Christoph Praxmarer: "Skirennen werden im Sommer gewonnen"

Christoph Praxmarer:
06.08.2016 12:28:00 | skionline.ch, Peter Gerber
pd. Während sich die Top-Athleten in Europa, Südamerika, Neuseeland oder Australien auf den Weltcup-Winter vorbereiten, trainiert auch die künftige Elite intensiv. Zum Beispiel in Renn-Camps.

Seit rund 40 Jahren bieten Hugo Nindl und sein Team Racing Camps an. Einer der Trainer von Austria Racing Camps ist Christoph Praxmarer. Nachfolgend gibt das ehemalige Mitglied des ÖSV-Nachwuchskaders Auskunft über die Wichtigkeit des Sommertrainings und das Angebot von Austria Racing Camps.

Der Sommer hat bisher wettermässig alles beinhaltet. Welche Pistenbeschaffenheit/Schneebeschaffenheit treffen Sie aktuell auf den Gletschern an? Wo trainieren Sie aktuell?
Christoph Praxmarar: "Der Sommer 2016 war gekennzeichnet von vielen Temperatur- und Wetterschwankungen. Aber gerade das macht den Sommer so besonders und reizend für jeden Skisportler. Wir trainieren seit über 40 Jahren am Hintertuxer Gletscher im Zillertal auf 3250 Höhenmeter,n der einzige Ganzjahresgletscher in Österreich. Hier haben wir nicht nur die Möglichkeit jegliche Geländevariante von flachem, mittelsteilem sowie sehr steilem Gelände zu wählen, sondern haben auch die Chance ein ausgereiftes Technikprogram zu absolvieren. Im Sommertraining tifft auf verschiedenste Schneesituationen. Und das ist meines Erachtens nach ein wichtiger Aspekt, um einen kompletten Rennfahrer zu formen. Über den Winter fährt man meist auf perfekt präparierten Kunstschneepisten, wogegen man hier auf Naturschnee seine Schwünge in den Schnee zaubern muss. Die unterschiedlichen Gegebenheiten verlangen von jedem Athleten sich immer wieder neu einzustellen, seine koordinativen Fähigkeiten voll aus zu nützen und sich situationsbedingt anzupassen. Daher sind die weichen Pisten genauso erwünscht, wie oft sehr harte bis eisige Pisten."
 
Gletschertrainings finden auf ziemlicher Höhe über Meer statt. Gibt es eine Faustregel, wieviel Trainingsfahrten pro Tag Sinn machen?
"Nein. Da das Skifahren ein Einzelsport und kein Teamsport ist, kann man dafür keine Generalformel aufstellen. Es kommt auf das Alter, die körperliche Verfassung sowie die wetterbedingte Tagessituation an. Hinzu kommen die tägliche Verfassung des Athleten sowie sein Jahresplan. In unseren Camps wird auch immer der Fokus darauf gelegt, dass das Training sich immer aus einer perfekten Mischung aus Technik- Freifahrten sowie Stangentraining zusammensetzt. Wir in ARC sind im Normalfall die ersten und die letzten auf dem Berg, da wir unseren Athleten das größtmögliche Pensum an Training bieten wollen. Wichtig ist, dass man sich auch am Berg richtig ernährt, viel trinkt und regelmäßig Pausen einhält. Aber natürlich lautet der Grundsatz immer: Qualität vor Quantität."
 
Wenn Sie einen von einem Athleten immer wieder gemachten Fehler entdecken, wie gehen Sie vor, damit er diesen ausmerzen kann?
"Der erste Schritt wird immer sein, den Grund oder die Ursache des Fehlers zu analysieren. Dabei ist das Spektrum sehr breit. Es kann von mentaler Natur sein, körperlich bedingt, materialtechnisch oder lang falsch eintrainierte Bewegungsabläufe. Durch unsere ständigen Fortbildungen im Bereich Skitechnik, Materialtechnik sowie Fitness oder auch Mentaltraining decken wir alle Kernkompetenzen für einen professionellen Skirennläufer ab und analysieren diese auch ständig. Der Vorteil bei ARC ist, dass wir nicht nur ein internationales Trainerteam haben, welche unsere Trainingsphilosophie perfektioniert und komplettiert, sondern auch, dass jeder Trainer seinen Schwerpunkt in diesen oben genannten Bereichen hat. Dadurch können wir im Team perfekt agieren und reagieren. Sei es bei material-technischen Umstellungen, bei der Neuorientierung im Fitnessbereich oder der mentalen Begleitung des Athleten.
Die Fehler in der Grundposition oder beim Grundverhalten werden ab Saisonbeginn mit einfachen Technikübungen korrigiert. Übungen werden immer komplexer, in weiterer Folge wird auch das Gelände immer anspruchsvoller bis man dann mit einfachen Übungstoren auf einfachem Gelände beginnen kann. Über die Zeit werden dann Übungen, Kurssetzung und Gelände immer schwieriger, bis das Grundverhalten stabil und automatisiert ist. Ist dieses Ziel bis zum „Frühherbst“ (relativer Begriff, der ein wenig davon abhängt, wann das erste Rennen stattfindet) erreicht, bleibt ausreichend Zeit, dies unter dem Druck von Zeitläufen weiter zu automatisieren. Das ist dann auch der richtige Moment, um sich spezifisch um sehr anspruchsvolle Hangpassagen, schwierige Kurssetzungen und Themen wie Linienführung, Rennstrategie, Vorstartrituale zu kümmern."

"Ist der Einstieg in Renntraining hinsichtlich des kommenden Winter per Ende Juli/Anfang August ideal oder schon fast zu spät?
Nach Ende einer Winter-Saison beginnt nach einer kurzen Pause bereits die neue Saison – also bereits  im Mai, wo wir beispielsweise am Stubaier Gletscher unsere ersten Technik-Workshops machen. Ab dann werden die Grundlagen gelegt – skitechnisch, konditionell und mental. Dies sollte im „Frühherbst“ abgeschlossen sein, jedenfalls rechtzeitig, um auf eventuell verbleibende Schwächen noch vor Rennbeginn reagieren zu können. Was bis dahin nicht erledigt ist, wird man auch in der Regel über die gesamte Rennsaison mitschleifen und der Athlet automatisiert Fehler. Anschliessend beginnen unsere Sommercamps Anfang Juni. Je nach Alter braucht ein Athlet eine gewisse Anzahl an Vorbereitungstage auf Schnee für den Winter. Skifahren hat sich inzwischen zu einem Ganzjahressport entwickelt und wird auch international so gelebt. Im Sommer sollte man zirka 12 bis 15 Tage auf Schnee verbringen. Hierfür bietet ARC eine Spanne von mehr als 8 Wochen im Sommer an. Das Slalomspezialcamp, welches wir im August aufgrund der Schneelage auf den hiesigen Gletschern in der Skihalle Neuss durchführen, ist ein weiterer Bestandteil eines perfekten Aufbautrainings im Sommer. Hier kann sich der Athlet wider aller äußeren Einflüssen ganz auf seine Grundtechnik konzentrieren, sein neues Material testen und den Grundstein für eine gute Slalomsaison legen. Die Skirennen werden definitiv im Sommer gewonnen! Nur wer seine skitechnischen, konditionellen und mentalen Aufgaben bis zum Herbst abarbeitet, kann sich im entsprechenden Umfang zum kompletten Athleten weiterentwickeln und wird dauerhaft Erfolg haben. All diejenigen, die ihre Rennsaison im Herbst starten, können manchmal durch körperliche Vorteile oder besonderes Talent über eine gewisse Zeitspanne respektable Ergebnisse erzielen, können aber spätestens ab dem FIS-Alter nicht mehr mithalten bzw. das Versäumte nur sehr schwer aufholen. Ab September sind wir dann wieder zurück am Hintertuxer Gletscher und starten unsere Herbstcamps für die kommende Saison. Dies gilt schon als Endspurt für die Wintersaison. Die Grundtechnik sowie die Bewegungsabläufe sollten hier perfektioniert werden. Weitere 15-20 Tage sollten hier investiert werden, um dieses Ziel zu erreichen.

Quelle und Foto: Austria Racing Camps