Marc Gisin auf sommerlichem Streifzug über die Streif

Marc Gisin auf sommerlichem Streifzug über die Streif
15.07.2016 22:02:00 | skionline.ch, Peter Gerber
peg. Marc Gisin kennt sich mit und auf der Kitzbüheler Streif aus. Nun hat er die schwierigste Abfahrt, die ihn 2015 brutal abgeworfen hatte, aus einer andern Perspektive kennen gelernt.

Am 23. Januar 2016 brauchte Marc Gisin 1:53,43, um die Abfahrt am Hahnenkamm in Kitzbühel zu bewältigen. Der Engelberger wurde Fünfter – sein bisher bestes Resultat im Weltcup. Und das auf jener Strecke, die Gisin 2015 so brutal abgeworfen und ihn mit einem Schädel-Hirn-Trauma und einer Blutung unter der Schädeldecke länger ausser Gefecht gesetzt hatte. Am 14. Juli 2016 benötigte Gisin nach eigener Angabe knapp eine Stunde für die Streif, „mit Pausen“, so der Abfahrer. Im Grünen, von unten nach oben, gemeinsam mit Trainer Manfred Widauer.

Marc Gisin, ein Streifzug der besonderen Art über die Streif. Wie kam es zu dieser Pistenbesichtigung im Sommer?
Marc Gisin: „Unser Trainer Manfred Widauer wohnt in der Nähe von Kitzbühel. Da ich am 16. Juli in Ingolstadt im Audi-Windkanal erwartet wurde habe ich mich zu dem Umweg und Abstecher nach Kitzbühel entschieden. Und da haben wir beide uns gedacht, wir könnten doch eigentlich die Streif gemeinsam mal in umgekehrter Richtung absolvieren.“

Schildern Sie uns doch Ihre Eindrücke dieser besonderen Wanderung.
„Die Streif ist im Sommer nicht weniger steil als im Winter. Aber die Wirkung im Winter ist schon eine ganz andere, viel krasser. Da spielt sicher auch das ganze Drumherum beim Rennen eine nicht unwichtige Rolle. Aber die grünen Weide, die gemütliche Seidlalm – alles kommt im Sommer harmloser daher. Aber die Steilheit des Geländes ist nach wie vor eindrücklich.“

Gibt es Punkte, die sie ganz besonders angeschaut haben und Sie denken, dass dieser Augenschein für Sie im Winter hilfreich sein könnte?
„Nein, eigentlich nicht. Das einzige was mir aufgefallen ist war ein kleiner Weg an der Hausbergkante. Genau dort, wo ich 2015 zu Sturz gekommen bin. Und in diesem Weg ist eine Senke und ich habe kurz überlegt, ob das jene Senke gewesen ist, die letztlich die Ursache für meinen Sturz war. Letztlich aber ist es egal, das ist Vergangenheit und vorbei.“

Den Sturz, bei dem Sie sich massiv verletzt hatten, haben Sie weggesteckt?
„Dieses Thema ist wirklich abgeschlossen. Aber bei der Begehung ist mir die Situation wieder in den Sinn gekommen. Ich habe bei einem Loch die Balance verloren und stürzte dann. Und eben diese Senke und dieses Loch – vielleicht sind sie identisch. Aber ich habe definitiv abgeschlossen und mit dem Resultat im letzten Januar – bei schwierigen Bedingungen – auch zeigen können, dass das wirklich so ist.“

Apropos schwierige Bedingungen. Auch einige österreichische Abfahrer haben jüngst die Streif zu Fuss bezwungen. Hierbei hatte Hannes Reichelt den Zustand der Piste 2016 ziemlich kritisiert (skionline.ch berichtete). Er sagte unter anderem, dass seiner Ansicht nach zu wenig Schnee auf dem Streckenteil bei der Kompression nach der Hausbergkante lag. Teilen Sie seine Ansichten zur Kitzbühel-Abfahrt 2016?
„Wenn man selber gestürzt ist, dann sucht man nach Gründen. Das ist mir 2015 auch so gegangen. Reichelt ist 2016 gestürzt. Man hatte schon im Training gesehen, dass diese Stelle sehr unruhig ist und je weiter rechts man die Stelle passieren wird, umso schwieriger würde sie werden. Für mich ist es in Kitzbühel aufgegangen, für Reichelt nicht. Darum sind die Sichtweisen auch etwas unterschiedlich. Wo ich mit ihm einig gehe ist, dass es nicht sein darf, dass solche Rennen bei zweifelhaftem Wetter fürs Fernsehen und die Zuschauer vor Ort durchgedrückt werden – koste es, was es wolle. So werden die Rennfahrer zu Versuchskaninchen. Wengen, eine Woche vor Kitzbühel, war diesbezüglich noch schlimmer als Kitzbühel. Die Sicht war miserabel. Es gab Rennen im vergangenen Winter, die waren von der Sicherheit her diskutabler als Kitzbühel. Aber klar: wenn der Erste und Zweite der Abfahrtswertung stürzen und sich verletzen, wirft das Fragen auf und löst Diskussionen aus.“

Sie haben die Streif jetzt im grünen Kleid erlebt. Bleibt das eine einmalige Sache oder werden Sie das im Rahmen einer Saisonvorbereitung wieder tun?
„Keine Ahnung. Es war sicher eine nette Wanderung in einem schönen Gebiet. Es kann sein, dass ich wieder mal im Sommer nach Kitzbühel gehen werde. Wer weiss.“
 
Foto: Marc Gisin / zvg