Warum Anja Schneider ein Stück Olympia-Goldmedaille "gehört"

Warum Anja Schneider ein Stück Olympia-Goldmedaille
12.08.2016 12:36:10 | skionline.ch, Peter Gerber
peg. Anja Schneider arbeitet hart für eine Rückkehr in die Swiss-Ski-Kader. In Neuseeland hat die 22-Jährige jüngst zwei Rennen gewonnen und auch ein Stück einer Olympia-Goldmedaille "gehört" schon ihr. Eine grosse Rennfahrerin und ein grosser Trainer zählen neben ihrer Familie zu den zentralen Figuren in Anja Schneiders Leben als Skirennfahrerin.

"Für mich war immer klar, dass ich professionell Skifahren möchte. Und mit drei älteren Geschwistern war es für mich natürlich eine grosse Motivation, so früh wie möglich Skifahren zu lernen", sagt Anja Schneider. Die heute 22 Jahre alte Elmerin, die im Alter von eineinhalb Jahren in ihrem Wohnort zum ersten Mal auf den Skiern gestanden ist, war auf einem guten Weg. Im Winter 2011/12 gehörte sie dem C-Kader von Swiss Ski an und stand auf der Karriereleiter. Es folgte das verhängnisvolle Riesenslalomtraining von Zermatt: Beinbruch, Komplikationen, keine Rennen zwischen dem 10. April 2012 und dem 26. November 2013. Insgesamt acht Operationen wurden nötig und Anja Schneider büsste den Status als Kadermitglied des nationalen Verbandes wieder ein.

Seit dem 26. Juli und noch bis zum 3. September trainiert Anja Schneider unter den Augen ihres Vaters – und laut Anja Schneider auch Trainers, Servicemannes und Mentaltrainers – Heinrich in Neuseeland. "Den grössten Vorteil sehe ich darin, dass ich mich hier im Winter befinde. Wir treffen in etwa die gleichen Bedingungen an wie dann im Winter in Europa. Auch ist das Training hier bei Adi Bernasconi super. Wir trainieren bis zu fünf Mal pro Woche bei super Bedingungen, so habe ich, wenn ich im September nachhause komme, schon viele Top-Trainingstage im Gepäck", sagt die Elmerin.

Als Unterstützer im Rücken hat Anja Schneider auch Fritz Züger. Die Trainerlegende nimmt eine besondere Rolle in der skifahrerischen Entwicklung der Technik-Spezialistin ein. "Die Jahre bei Fritz Züger im NLZ waren super und haben mich vorwärts gebracht. Nach dem Beinbruch war er einer der wenigen Trainer, die sich immer wieder nach meiner Gesundheit erkundigt haben", erinnert sich Anja Schneider. Aktuell aber geht sie den Weg ohne direkte Unterstützung von Züger. "Für dieses Jahr habe ich mich entschieden, viel alleine zu trainieren. Jedoch kann ich Fritz immer anrufen und kann stets auf seine Hilfe zählen. Das schätze ich sehr."

In einer Eigeneinschätzung sieht die Elmerin ihren Ehrgeiz und ihren Willen als grosse Stärken. "Nach meinem Unfall war ich sehr tief unten und langsam kämpfe ich mich wieder zurück. Ohne meine Familie würde ich das aber nie schaffen." Familie – ein zentraler Begriff im Leben der Hobby-Volleyballspielerin: "Ich arbeite im elterlichen Sportgeschäft mit und auch bei meiner Schwester in der Skihütte Obererbs. Dank ihnen und all meinen  Sponsoren kann ich meinen Traum immer noch leben." Und wo ortet das Mitglied des Skiclubs Elm ihre Schwächen? "Ich bin ein Kopfmensch, ich setze mich zu oft zu sehr unter Druck." Aktuell setzt sie Druck auf mit dem Ziel, in die nationalen Kader zurückkehren zu können. "Im Slalom funktioniert es schon sehr gut, im Riesenslalom hingegen brauche ich sicher noch etwas Zeit, aber es ist ja auch erst August."

Wenn der Name Schneider in Zusammenhang mit Skisport und dem Ort Elm fällt, kommt unweigerlich die Frage auf, ob die junge Sportlerin etwas mit der dreifachen Weltmeisterin und dreimaligen Olympiasiegerin Vreni Schneider zu tun hat. Ja, hat sie. Vreni Schneider ist Anjas Tante und ihr Vorbild. "Was Sie erreicht hat ist grossartig. Dennoch ist sie immer auf dem Boden geblieben. Vreni ist mir eine grosse Hilfe und ich pflege zu ihr ein sehr enges Verhältnis." Mehr noch: für Vreni Schneiders Söhne Florian und Flavio ist Cousine Anja, auch wenn die grossen Erfolge noch fehlen, ein ähnliches Vorbild, wie Tante Vreni für Anja eines ist.

In der Beziehung zwischen Vreni und Anja Schneider gibt es ein Erlebnis, welches die 51-jährige Vreni gerne erzählt. Anja sei indirekt am Gewinn des Olympia-Goldes von Lillehammer (26. Februar 1994) beteiligt, sagt Vreni Schneider. Als sich im Januar 1994 die Österreicherin Ulirke Maier in Garmisch bei einem Sturz tödliche Verletzungen zuzog, kam Vreni Schneider ins Grübeln, Goldmedaillen und Kristallkugeln verloren etwas den Glanz. Dann kam Mitte Februar 1994 ein Telefonanruf aus Elm: Anja Verena ist geboren. Diese Nachricht habe so gut getan und – laut Anja sagt das Vreni Schneider auch heute noch so – als Motivationsschub gedient. Vreni Schneider habe, so sagt sie selber, gekämpft wie eine "Verrückte" und konnt am 20. Februar Silber in der Kombination gewinnen, am 24. Februar gab es Bronze im Riesenslalom und am 26. Februar holte sich Vreni Schneider Gold im Slalom. Anja, der Glücksbringerin, gehört also ein Stück des olympischen Goldes von 1994. Nun ist es an der Zeit, dass sie sich auch selbst zum Glück verhelfen kann. Und vielleicht – träumen ist ja erlaubt – gehört ihr dann mal eine ganze olympische Medaille.

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