Ilka Stuhec: "Ich musste noch einmal etwas weinen"

Ilka Stuhec:
14.04.2017 12:05:03 | skionline.ch, Peter Gerber
peg Im Interview mit fis-ski.com blickt Ilka Stuhec auf ihre grossartige Saison 2016/17 aber auch auf die Zeiten mit Schmerzen und Verletzungen zurück. Das in englischer Sprache veröffentlichte Interview ist von skionline.ch übersetzt worden.

Was für eine Saison. Sie standen bei 13 Weltcup-Rennen auf dem Podest, haben 7 Siege gefeiert und 1325 Weltcup-Punkte gesammelt. Dazu haben Sie zwei Kristallkugeln und einen Weltmeister-Titel gewonnen. Was sagen Ihnen diese Zahlen und wie fühlen Sie sich nach einem derart erfolgreichen Winter?
Ilka Stuhec: "Während der Saison habe ich nie wirklich über Zahlen oder Statistiken nachgedacht. Auch hatte ich nicht viel Zeit zu begreifen, was ich erreicht habe und was diese Ergebnisse bedeuten. Jetzt, wo ich zurückblicke, ist es einfach ... erstaunlich! Neulich setzte ich die Kristallkugeln und andere Trophäen zuhause in den Schaukasten und es fiel mir ein, dass ich einige grosse Dinge erreicht habe. Und – wie öfter in der vergangenen Saison – musste ich noch einmal ein bisschen weinen."

Bevor Sie angekommen sind wo Sie nun stehen, hatten Sie fünf Weltcup-Winter mit gerade mal fünf Top-10-Platzierungen. Was war 2016/17 anders, was hat diesen grossen Schritt nach vorne ausgelöst?
"Ich kann das nicht nur an einer einzelnen Sache festmachen
. Für einen so grossen Schritt braucht es mehr als nur einen Sommer. Als Sportlerin wächst und entwickelt man sich über die Jahre hinweg. Aber alles in allem ist es mir in der Saisonvorbereitung, sei es im Kraft- und Konditionstraining und dann auf den Ski, bestens gelaufen. Ich glaube dass es mir gelungen ist damit aufzuhören, über zu viele Dinge nachzudenken. Ich bin Ski gefahren, habe es genossen und hatte Spass dabei."

Grundsätzlich sind Sie in den Speed-Disziplinen zuhause, aber Sie haben auch im Slalom und Riesenslalom gezeigt, dass Sie schnell sein können. Wird man sie in Zukunft vermehrt auch in den technischen Disziplinen vorne sehen oder sind Riesenslalom und Slalom einfach eine Ergänzung des Speed--Trainings?
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Wir versuchen immer alles zu trainieren, ich möchte mich nicht als Spezialistin für bestimmte Disziplinen sehen. Während der Saison ist es ganz schwer, die richtige Balance zwischen Rennen, Trainings und der nötigen Erholung zu finden. Es ist extrem anstrengend, im Weltcup sämtliche Rennen bestreiten zu wollen. Mal schauen, wie das Programm im kommenden Winter ausschauen wird".

Die Formkurve zeigt nach oben und Sie sind ja auch noch jung. Was steht als nächstes an? Sind die Olympischen Spiele und der Gewinn des Gesamtweltcups Ziele oder Träume?
"Das sind Träume, die jede Athletin und jeder Athlet hat – also auch ich. An einem einzelnen Renntag bei Olympia ist alles möglich, das haben wir schön öfter gesehen. Was ich in der vergangenen Saison gemacht habe, hat ganz gut geklappt. Warum nicht auch bei Olympia? Aber es ist noch ein langer Weg dorthin und zuvor stehen viele Weltcup-Rennen an, bis dann der grosse Saison-Höhepunkt kommt."

Nach dem 2008 gewonnenen Junioren-WM-Titel haben Sie diverse Verletzungen erlitten. Können Sie uns darüber und über den Weg zurück an die Spitze etwas sagen?
"Im Sommer 2008 hatte ich beim Training in La Parva einen heftigen Sturz und habe mir dabei das Kreuzband  und die Menisken gerissen, auch die Seitenbänder sind beschädigt worden. Nach der Operation ging nicht alles problemlos weiter und ich brauchte noch eine Arthroskopie, damit das rechte Knie wieder in Ordnung war. Der Muskelaufbau war fast nicht möglich, weil ich zu starke Schmerzen hatte. Nach diesen Problemen wurde es etwas besser und ich konnte mit dem normalen Training beginnen. Aber ziemlich genau ein Jahr nach der ersten Operation verletzte ich bei einem Sturz die Patellasehne und auch das Kreuzband wurde beschädigt. Nach der Operation sagten die Ärzte, dass wieder alles in Ordnung sei. War es aber nicht. Ich musste mir anderswo Hilfe suchen. In Basel haben Dr. Friedrich und sein Team mein Knie und meine Karriere gerettet  – das war im Jahr 2010. Danach konnte ich wieder normal trainieren und ich durfte Slowenien bei den Olympischen Spielen in Sotschi vertreten. Einen Monat vor dem Grossanlass verletzte ich in Zauchensee mein Kreuzband wieder und es wurde eine weitere Arthroskopie in Basel nötig. Ich hatte Glück, ein grossartiges Team von Ärzten und Physiotherapeuten um mich zu haben und ich konnte doch noch bei Olympia antreten. Noch immer ist das vordere Kreuzband in meinem rechten Knie nicht vollständig. Das hintere Kreuzband und die starke Muskulatur halten das Knie aber stabil – und es funktioniert ganz gut."


Sie trainieren in einem kleinen Privatteam und ihre Mutter ist als Servicefrau tätig. Wo liegen die Vorteile dieser kleinen, ihnen bestens vertrauten Mannschaft um Sie herum?
"Der Vorteil eines kleinen, individuellen Teams ist, dass wir genau das machen können, was ich am meisten brauche. Wenn das mehr Training ist, mehr Ruhe oder was auch immer, machen wir es einfach. Das Team um mich herum ist fast wie meine Familie, wir sind einander sehr verbunden. Das macht es manchmal auch schwierig, weil wir so emotional sind. Aber während der meisten Zeit ist es das Beste für mich."

Parallel zu Ihrer Skikarriere treiben Sie Ihr Wirtschaftsstudium an der Uni von Maribor voran. Wie bringen Sie beides unter einen Hut und inwiefern kann die sportliche Karriere von der geistigen Arbeit profitieren – und umgekehrt?
"Gut, während des Winters liegt die Uni quasi auf Eis, es ist fast nicht machbar zu studieren und Rennen zu bestreiten. Ich wünschte, ich könnte die Prüfungen jeweils schneller absolvieren, aber oft fehlt mir die Energie für das Studium. Ein grosser Vorteil ist sicher, dass ich aus dem Ski-Business hinaus weiss, wie die Zusammenhänge im richtigen Leben sind und ich das Wissen nicht nur aus Büchern habe."
Foto: Agence Zoom
Quelle fis-ski.com