Der alte "Riesen-Ski" als Baumaterial für einen Gartenzaun

Der alte
12.07.2017 20:36:11 | skionline.ch, Peter Gerber
peg. Der Männer-Riesenslalom wird 2017/18 ein neues Gesicht haben. Atomic-Rennchef Christian Höflehner im Interview mit skionline.ch über den neuen Riesen-Ski, Gartenzäune, den Super-G, die Herausforderung HEAD und eventuelle Skientwicklungen für die Parallel-Rennen.

Christian Höflehner, die neuen Riesenslalom-Ski sind in Gebrauch, was machen die Ausrüster nun mit den alten Modellen, die den Vorschriften nicht mehr entsprechen?
„Grundsätzlich können wir die alten Ski wegwerfen – oder mit ihnen einen Gartenzaun bauen. Es gibt niemanden, der zum Spass mit den alten Latten fährt. Trainings mit dem alten Ski kommen nicht in Frage, weil man mit dem neuen Material anders fährt und sich der Ski auch komplett anders verhält.“

Dass die alten Ski im Rennsport keinerlei Verwendungszweck mehr haben, ist klar. Aber könnten Sie die noch vorhandenen Ski nicht günstig an Freizeit-Fahrer verkaufen?
„Der gute Hobby-Skifahrer hätte mit einem Ski mit 35 Meter Radius keine Freude und täte sich auf der Piste schwer. Darum macht das keinen Sinn. Die Top-Modelle bleiben vielleicht bei den Ausrüstern noch in den Kellern, aber zum Einsatz werden sie kaum mehr kommen.“

Die Hersteller müssen Ski entsorgen und neue produzieren. Das heisst unter anderem, dass neue Formen produziert, Maschinen umgerüstet und angepasst werden müssen. Das dürfte für die Skifirmen ins Geld gehen, oder?
„Auf den ersten Blick ja. Es ist sicher kurzfristig ein finanzieller Mehraufwand da, aber mittelfristig gleicht sich das aus. Denn die neuen Ski eignen sich dank dem kleineren Radius dann wieder viel besser für die Hobby-Fahrer. Das heisst, dass wir vieles vom Renn-Ski auch für die Produktion des Skis für jedermann verwenden können.“

Musste im Vergleich zu früheren Jahren nicht auch die Anzahl der Testtage im Frühling erhöht werden?
„Nein, eigentlich nicht. Vielleicht hat der eine oder andere Fahrer im Frühling etwas mehr getestet, aber grundsätzlich hat sich da nichts verändert. Es hätten auch mit Modellen in der alten Länge und mit dem alten Radius genau so viele Testtage gebraucht wie jetzt mit dem neuen Ski. Die Athleten und Serviceleute arbeiten derart professionell, dass sie die Zeit zwischen den Wintern für laufende Tests ausreizen. Vielleicht ist, wie zum Beispiel bei Marcel Hirscher, der Schwerpunkt etwas Richtung Riesenslalom verlegt worden um das Set-up für diese Disziplin besser abstimmen zu können. Aber die Fahrer können nicht mehr Fahrten absolvieren als letztlich der Körper auch zulässt. Wir können ja dann nicht sagen, lieber Marcel Hirscher oder lieber Manuel Feller, ihr macht jetzt zehn statt nur sieben Fahrten.“

Können Sie eine Grobschätzung abgeben, was Atomic durch die Reglementsänderung im Riesenslalom zusätzlich investieren musste?
„Das ist ganz schwierig abschätzbar. Aber rein die Mehrkosten gehen deutlich über 100'000 Euro. Aber wie erwähnt dürfen wir darauf hoffen, dass wir mit den 2017/18 benützten Skiern mehr anfangen können, als mit den alten Modellen. Zum Beispiel ist eine Weitergabe an die Skicrosser denkbar.“

Trotz Mehraufwand aber begrüssen Sie als Vertreter eines Skiherstellers das veränderte Reglement?
„Ja, absolut. Die Änderung war ja nicht zuletzt auch durch die Skiindustrie angeregt worden. Wir wollen ja den Skisport gerade auch für jüngere Fahrer attraktiv machen. Für in der körperlichen Entwicklung steckende Fahrer war der Riesenslalom mit dem 35-Meter-Radius-Ski fast nicht zu bewältigen, das kann nicht im Interesse der Skifirmen sein. Wenn der Riesenslalom als Kerndisziplin unattraktiv wird, ist das ein grosses Problem für den gesamten Skirennsport. Darum musste da Gegensteuer gegeben werden..“

Welche Rückmeldungen erhalten Sie aus Fahrerkreisen zum neuen Material? Was sagt zum Beispiel Marcel Hirscher?
„Grundsätzlich gute. Der neue Ski verändert den Riesenslalom komplett. Für Fahrer wie Marcel, die ihre Siebensachen auf dem bisherigen Ski perfekt beieinander gehabt haben, birgt die Umstellung ein gewisses Risiko. Aber unter dem Strich ist auch er positiv eingestellt. Die Herangehensweise wird eine andere sein und es wird spannend sein zu sehen, wer sich die direkteren Linien zutraut und die Fahrweise rasch anpassen wird. Bisher war in den Köpfen, dass ‚Richtung machen’ vor dem Tor und genügend Platz für das Durchziehen auf der Taillierung unerlässlich sind. Mit dem neuen Ski kann man gerader auf die Tore zu fahren – wenn der Kopf dann eben die veränderte Linie zulässt. Das ist der Hauptpunkt, an dem die Fahrer während der Umstellungsphase arbeiten. Es ist nicht mehr dieser eine Punkt vor dem Tor, der für den Schwungansatz entscheidend sein wird. Jetzt ist der Spielraum grösser und der Schwung lässt sich unter dem Tor oder sogar nach dem Tor machen. Das ermöglicht taktischen Spielraum. Gespannt sind wir alle darauf, wie sich das neue Material bei den Verletzungen auswirken wird. Verletzungen wird es weiterhin geben, keine Frage. Aber die Häufigkeit der Rückenprobleme dürfte dank dem neuen Material abnehmen.“

Wie sehen Sie die Entwicklung der Disziplinen? Kombi bald weg, Super-G in Gefahr, dafür mehr Parallel-Events?
„Alles was den Skisport attraktiver macht, ist uns willkommen. Was den Super-G betrifft wäre es sehr schade und auch falsch, wenn diese Disziplin wegfallen würde. Es ist eine unglaublich attraktive Disziplin. Man müsste sich aber überlegen, ob man nicht die Kurssetzung im Super-G etwas verändern sollte. Gibt es mehr Parallel-Events so muss, weil es sonst schlicht zu viele Rennen im Kalender geben würde, etwas geopfert werden. Das wäre dann die Kombination.“

Wenn es aber mehr Parallel-Events gibt und vielleicht gar Kristallkugeln in dieser Disziplin vergeben werden, müsste die Skiindustrie nicht ein neues, auf die Bedürfnisse der direkten Kurse abgestimmtes Skimodell entwickeln?
„Das müssen wir prüfen und verfolgen. Entscheidend wird sein, wie sich die Parallel-Rennen entwickeln. Geht es eher Richtung Rennen wie in Alta Badia oder eher Richtung Parallel-Slalom von Stockholm? Wenn es mehr Rennen wie in Alta Badia und es auch einen eigenen Disziplinen-Weltcup geben würde, müsste man sicher einen besonderen Ski für diese Disziplin bauen.“

Im Winter 2016/17 hat Atomic den Konkurrenten Head als erfolgreichste Marke im Weltcup abgelöst. Ist es das Ziel, auch 2017/18 ganz vorne zu sein?
„Der Erfolg 2016/17 kam schon überraschend und war für uns schlicht sensationell. Wenn wir uns für den nächsten Winter die Namen und die entsprechenden Skimarken auf den Startlisten anschauen und sehen, dass bei uns mit Tina Weirather und Aleksander Aamodt Kilde zwei wichtige Stützen nicht mehr dabei sind, so wird eine Wiederholung schon sehr schwierig. Aber wir werden kämpfen und sind gespannt darauf, was Ende Saison dann raus kommt.“
 
Foto: zvg