Leana Barmettler – der eigene Weg neben Mutters Spuren

Leana Barmettler – der eigene Weg neben Mutters Spuren
13.07.2017 14:17:42 | skionline.ch, Peter Gerber
peg. Leana Barmettler hat im Frühling den Aufstieg ins B-Kader von Swiss Ski geschafft. Damit befindet sich die 20-Jährige definitiv auf ihrem eigenen Weg neben den von ihrer Mutter gelegten Spuren. Zoe Haas hatte in den 1980er-Jahren zwei Weltcup-Rennen gewinnen können.

Zoe Haas hat 1979 als 17-Jährige im Weltcup debütiert und später zwei Weltcup-Rennen gewonnen, sie startete bei den Olympischen Spielen 1988 und 1992 und trug 1987 sowie 1991 den Rennanzug an Weltmeisterschafen. Nun ist mit Leana Barmettler die Tochter der ehemaligen Speed- und Riesenslalom-Spezialistin nach dem Aufstieg vom C- ins B-Kader auf dem Sprung Richtung nationale Spitze und Weltcup. Die 20 Jahre alte Slalom- und Riesenslalom-Spezialistin hat 40 Europacup-Rennen bestritten und strebt Einsätze im Weltcup an. Wo liegen die Parallelen und wo die Unterschiede zwischen einer Fahrerin, deren Karriere in den späten 1970er und frühen 1980er-Jahren so richtig begonnen hat und einer Athletin, die jetzt auf dem Weg an die Spitze ist? Im Gespräch mit der 55 Jahre alten Zoe Haas hat skionline.ch versucht, einige dieser Unterschiede heraus zu finden.

Zoe Haas, der Weg an die Spitze im Skisport hat sich verändert. Wo sehen Sie die markantesten Unterschiede?
Zoe Haas: „Da hat sich im Vergleich zu meiner Zeit einiges verändert. Der Leistungsgedanke zum Bespiel setzt heute viel früher ein. Daraus folgt, dass Leana im Vergleich mit mir damals schon im IO-Alter den viel grösseren Aufwand betrieben hat. Leana hatte wöchentlich drei Skitrainings und bereits im Sommer und Herbst hat sie auf dem Gletscher trainiert. Das war zu meiner Zeit nicht denkbar. Auch das Konditionstraining ist heute ganz anders strukturiert. Während ich im Sommer pro Woche ein vom Skiclub organisiertes Training hatte und nebenbei einfach laufen oder Tennis spielen gegangen bin, gibt es heute drei durch den Club geführte und organisierte Trainings. Generell sind die Trainer heute besser geschult und ausgebildet. Das A und O aber, und da hat sich nichts geändert, bleibt die Frage, wie können die Trainer das Wissen an die Athleten und Athletinnen weiter geben. Ich hatte das Glück gute Trainer zu haben, die in mir das Feuer für den Skisport entfachen und die Leidenschaft wecken konnten.“

Die Quantität des Trainings ist das eine. Wie sehen die Unterschiede in Bereich der Qualität – zum Beispiel im Athletik-Training – aus?
„Der grösste Unterschied liegt meiner Meinung darin, dass Leanas Training im Kindesalter insbesondere das Krafttraining, mit Sicherheit viel spezifischer auf den Skisport ausgerichtet war. Wir hatten unsere relativ einfachen Übungen für Rumpf und Beine, meine Tochter und ihre Kolleginnen hatten da schon früh vorbereitende Trainings für die Zeit, wenn dann mit Fremdgewichten gearbeitet wird. Zum Beispiel ist mit einem Besenstil die Koordination für die Arbeit mit der Hantel geübt worden. Der grosse Vorteil dabei war, dass Leana später die Bewegungsabläufe mit der Hantel schon intus hatte, während ich diese als Jugendliche dann erst mit der Verwendung des Sportgeräts gelernt habe.“

Und dann kommt irgendwann der Moment, wo der Leistungsgedanke noch stärker dominiert...
„... das war früher und ist heute noch die Schnittstelle zwischen Regionalverband und Swiss Ski. Wenn ich mir die Arbeit im NLZ, also im nationalen Leistungszentrum, anschaue, dann ist der Unterschied zu früher in den so genannten interregionalen Kadern schon ziemlich gross. Der Aufwand, den die jungen Fahrerinnen und Fahrer heute betreiben, ist deutlich grösser. An den Schnittstellen RLZ/NLZ und NLZ/Kader von Swiss Ski finden heute die entscheidenden Karriereschritte statt. Was fehlt ist ein Gefäss zwischen NLZ und C-Kader. Zu viele, die den Sprung ins C-Kader nicht schaffen, hören dann auf. Einige versuchen es mit dem privat finanzierten Weg. Und das ist eine teure Lösung, die den Erfolg auch nicht garantieren kann.“

Neben dem Training ist aber auch das Umfeld professionalisiert worden. Wo sehen Sie hier Entwicklungen?
„Da hat sich ganz viel verändert. Ein Beispiel: die jungen Athletinnen und Athleten werden heute für den Umgang mit Medien oder/und im Umgang mit Sponsoren geschult. Wir standen damals weniger vorbereitet in dieser Szene drin. Wir hatten zwar eine Medienschulung mit Karl Erb, aber das war’s dann. Auf der einen Seite ist der Skisport kostenintensiver geworden, auf der anderen Seite haben aber schon junge Fahrerinnen und Fahrer die Möglichkeit, Sponsoren zu suchen und zu finden. Darum ist diese Schulung heute auch wichtig. Die Athletinnen und Athleten müssen jedoch schneller erwachsen werden, die Herausforderungen in Schule und Sport sind gewachsen.“

Wie fällt – unter Berücksichtigung der veränderten Kaufkraft des einzelnen Frankens – der finanzielle Vergleich aus? Ist der Weg vom Kind im Skiclub zur Nachwuchsfahrerin im C-Kader heute teurer?
„Ja, definitiv viel teurer. Als ich im IO-Alter war mussten die Eltern Skikleidung und Ski finanzieren. Ich hatte einen Slalom- und einen Riesenslalom-Ski. Bei einem Slalomrennen war den Riesen-Ski der Trainingsski und umgekehrt. Würde ich als Mutter ein Kind so ausgerüstet an ein Rennen schicken, es hätte durch den Vergleich mit den andern schon auf der mentalen Ebene verloren. Ohne mehrere Paare Ski reist heute kein Kind mehr an. Auch der Trainingsbetrieb ist kostenintensiver. Wenn wir in Andermatt trainiert haben waren wir in Militärunterkünften untergebracht und die Tageskarten für die Lifte waren gratis. Ein Trainingstag hat so rund 15 Franken gekostet. Heute kommen Sie für Hotel und Skipass unter 100 Franken pro Tag nicht weg. Hinzu kommt eine Abgabe an den Regionalverband für die professionellen Trainer und Trainings. Wir sind als Kinder damals von ehrenamtlich tätigen Personen betreut worden. Und später, weil schon zu Beginn einer Karriere alles professioneller geworden ist, sind auch die Beiträge für die Mitgliedschaft in einem regionalen Kader höher als zu meiner Zeit.“

Wie fällt generell Ihr Vergleich zwischen Mutter Zoe Haas und Tochter Leana Barmettler aus?
„Das Bauchgefühl und die Leidenschaft für den Rennsport haben wir beide. Leana hat vielleicht dank der professionelleren Ausbildung die Fähigkeit, hartnäckiger und bewusster den Weg Schritt für Schritt und mit einem Langzeit-Fokus gehen zu können. Sie hat in Lauf der Ausbildung das Ungestüme, den emotionalen Anspruch alles auf einmal erreichen zu wollen und können, etwas verloren. Ich habe eher im Moment gelebt und die Entwicklung weniger bewusst Schritt für Schritt gemacht.“

Der Sport hat sich in den Jahren stark verändert, nicht nur im Materialbereich. Können Sie Ihrer Tochter überhaupt noch Tipps geben?
„Nein, das kann ich nicht. Da halte ich mich auch zurück. Bis vor vier Jahren etwa konnte Leana mit gewissen sehr fachspezifischen Ausdrücken der Trainer wenig anfangen. Ich habe dann versucht, diese Begriffe zu erklären. Aber das ist längst nicht mehr nötig, da sich Leana sehr intensiv mit ihrem Sport beschäftigt und ein grosses Verständnis dafür entwickelt hat.“

Gibt es aus der Laufbahn von Leana etwas, das Sie zu Ihrer Zeit auch gerne gehab hätten?
„Nein, eher im Gegenteil. Ich bin froh, dass ich im IO-Alter nicht diesen Aufwand habe betreiben müssen, wie es Leana tun musste. Sie musste schon relativ früh wie eine kleine Erwachsene funktionieren und sich dem Leistungsgedanken unterordnen, obwohl sie ab und zu lieber wieder einmal zu hause gespielt hätte. Das hatte mir damals als ihre Mutter auch Mühe bereitet. Ich kam dann gerne ihrem Wunsch nach und sie durfte ihre Spielnachmittage dennoch haben.“

Können Sie einschätzen, ob Leana das Zeug zur Weltcup-Athletin hat?
„Leana hat Potenzial, das habe ich bei einigen Rennen vor Ort selber mitbekommen. Wegen ihrer etwas ungestümen Art ist sie durch Ausfälle aber immer wieder gebremst worden und sie musste im mentalen Bereich hart an sich arbeiten. Die Chancen aber sind intakt und sie hat das Zeug dazu. Ob sie alles am Tag X auch abrufen kann, kann niemand wissen.“
Foto: Bruno Röösli