Michelle Gisin: "... ohne dass ich einen Herzinfarkt bekomme"

Michelle Gisin:
06.09.2017 12:41:04 | skionline.ch, Peter Gerber
peg. Michelle Gisin (23) hat mit dem ersten Podest im Weltcup und WM-Silber in der Kombination eine tolle Saison hinter sich. Im Interview spricht sie darüber, über die Familie, ihren Freund Luca de Aliprandini und das Schweizer Team. Das Interview ist im Rahmen der Sommer-Gespräache durch die FIS geführt und auf der Seite fis-ski.com veröffentlicht worden. skionline.ch hat das Gespräch lediglich übersetzt.

Michelle Gisin, Sie sind mit ihren Kolleginnen auf die "andere Seite der Welt" gereist um Ski zu fahren. Macht Ihnen das Spass?
Michelle Gisin: "Ja, mir gefällt das wirklich. Der südlichste Ort Welt wo Ski gefahren werden kann ist sehr schön und ich geniesse die Natur. Ich bin wieder im Winter angekommen."

Zurück im Winter. Wie aber war Ihr Sommer, kamen Sie oft genug zum Windsurfen?
"
Ich kann nie genug Zeit mit Windsurfen verbringen. Aber ich hatte einen schönen Sommer und ich konnte viel Zeit mit Luca (de Aliprandini, die Red.) verbringen."


Sommerzeit ist auch immer die Zeit für intensives Kraft- und Konditionstraining. Dieses Training erfordert Disziplin. Mögen Sie diese Zeit?
"Ich liebe das Sommertraining und die Zeit in der Turnhalle. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie sehr man sich und den Körper fordern kann. Es ist faszinierend die Fortschritte zu sehen, denn nach der Saison und etwas freier Zeit geht es Schritt für Schritt zurück ins Training und in jeder Woche kann man Verbesserungen beobachten."

Jetzt sind Sie zurück auf dem Schnee. Was gefällt Ihnen am besten, wenn sie wieder auf der Piste sind?
"Die Freiheit auf Schnee – und ganz einfach das Gefühl auf den Skiern."

Sie haben Ihre Weltcup-Karriere im Slalom gestartet. Was hat Sie dazu bewogen, in dieser Disziplin anzutreten?
"Meine Mutter und meine Geschwister. Nein, ich habe den Slalom immer geliebt und ich hatte meinen Durchbruch im Europacup in dieser Disziplin. Nach meiner Kreuzband-Verletzung hatte ich Schwierigkeiten im Riesenslalom, meiner damals besten Disziplin, und ich war besser im Slalom. Ich bin überzeugt davon dass es für mich wichtig war, meinen Platz zu finden und in einer Disziplin Erfahrungen zu sammeln bevor ich soweit war, dass ich auch in den anderen Disziplinen antreten kann."

Im vergangenen Winter haben Sie Ihr Abfahrtsdebut im Weltcup gleich mit einem 7. Platz gefeiert. Wie erklären Sie sich dieses Resultat?
"
Es klingt noch immer verrückt. Aber Speed-Rennen sind ein Thema über welches in meiner Familie viel gesprochen worden ist und wird. Jetzt habe ich angefangen viele der diskutierten Dinge zu verstehen. Ich bin sicher, dass das Zuhören bei den Rennanalysen meiner Geschwister mir sehr viel geholfen hat, als ich in Val d'Isère mein erstes Rennen in Angriff genommen habe. Dominique und Marc haben mir gezeigt wie ich Angst in Respekt vor der Strecke umwandeln kann. Und als ich ungefähr 10 Jahre alt war haben sie mir die richtige Hocke-Position beigebracht...."

Was denken Sie, welche Disziplin könnte für Sie die erfolgreichste werden?
"
Schwer zu sagen. Irgendwie möchte ich, dass es der Slalom ist. Aber ich denke, es wird die Abfahrt sein. Aber mal sehen, was die Zukunft bringt."

Und welche würden Sie als Ihre liebste Disziplin bezeichnen?
"Bei dieser Frage ist mir jede einzelne Disziplin aus ganz unterschiedlichen Gründen als Antwort in den Sinn gekommen. Darum sage ich: mein Favorit ist das Skifahren an sich."

In wieweit können Sie von unterschiedlichen Disziplinen profitieren?
"Die Speed-Disziplinen bereiten mir Freude und lassen mich Freiheit spüren. Der Slalom kann dir manchmal das Herz brechen. Es ist hart und du fühlst dich miserabel, wenn du pro Tor 0,02 Sekunden – das sind wenige Zentimeter – einbüsst. In der Abfahrt kann dir eine gute Kurve auch dann gelingen, wenn du nicht auf der Ideallinie bist. Aber der Slalom lehrt mich mentale Stärke und ist wichtig für die Skitechnik, genau wie der Riesenslalom."

Was gefällt Ihnen am meisten wenn Sie im Winter auf der Weltcup-Tour unterwegs sind?
"Die Welt zu sehen und die Möglichkeit zu haben, mich auf höchstem Niveau zu messen, das ist schon genial."

2016/17 war Ihre bisher erfolgreichste Saison. Wo haben Sie einen unvergesslichen Moment erlebt?
"
Ganz klar bei den Weltmeisterschaften in St. Moritz. Das Heimpublikum war wunderbar und ich habe alles extrem genossen.
"

Hatten Sie in der Vorbereitung auf 2016/17 etwas verändert?
"
Ich habe mein Training im Frühling angepasst damit ich endlich meine Hüftprobleme in den Griff bekommen kann. Das hat mir sehr geholfen und mir viel Stabilität verliehen."

Hätten Sie vor der Saison erwartet, dass Sie so erfolgreich sein werden?
"Ich arbeite immer hart und hoffe, dass genau das passiert. Aber es braucht auch etwas Glück. Also ich hatte dieses Glück und bin glücklich darüber, was ich erreicht habe."

Olympia in Pyeongchang steht an. In welchen Disziplinen wollen Sie in Korea am Start stehen?
"Hmmmm – in allen?
Im Ernst: ich möchte mich im Slalom qualifizieren und zum ersten Mal auch in der Kombination. Es wird nicht leicht sein, dass ich mich in den anderen Disziplinen qualifizieren kann. Aber die Abfahrt wäre die aufregendste Disziplin für mich, weil ich mich in die Abfahrtpiste in Jeongseon verliebt habe."


Wie können Sie von den Erfahrungen Ihrer Schwester Dominique profitieren?
"Sie hat mir gezeigt wie ich eine Saison mit einer deutlich höheren Zahl von Rennen gut planen kann. Zudem gibt sie mir Tipps damit ich mich in der Vorbereitung nicht zu sehr in zu vielen Details verliere."

Wie beschreiben Sie den Geist im Team der Schweizerinnen? Sind Sie Freundinnen oder Konkurrentinnen?
"Also in erster Linie sind wir Athletinnen – und das ist meiner Meinung nach die beste Ausgangslage. Wir trainieren gemeinsam, um täglich besser zu werden. Ich bin froh darüber, dass ich in einem derart konzentriert arbeitenden Team bin. Sobald das Training vorbei ist haben wir eine sehr gute Zeit zusammen und sind gute Freunde. Also gibt es keine Rivalität im Sinne von Neid, Eifersucht oder ähnlichen Gefühlen. Wir sind da, damit wir uns gegenseitig zu noch schnellerem und besserem Skifahren pushen, und das ist grossartig."

Welches sind die besten Ratschläge, die Sie von Ihren Geschwistern Dominique und Marc bekommen haben?
"
Meine Geschwister sind die Vorbilder der ersten Stunde und ich bin seit jeher deren grösster Fan. Mein Bruder hat mir immer gesagt, dass die Ruhe eine Waffe ist und meine Schwester hat mir gezeigt, dass, auch wenn alle Widerstände gegen dich sind, du es dennoch schaffen kannst."

Luca de Aliprandini ist als ihr Freund auch zu einer wichtigen Person geworden. Schafft es ein Rennfahrer-Paar überhaupt, sich im Winter sehen zu können?
"
Es ist sicher nicht die einfachste Beziehung, aber es lohnt sich sehr. Wir sehen uns während der Saison nicht oft, aber das Tolle ist, dass keiner von uns von 8 bis 18 Uhr im Büro sein muss, so dass wir im Sommer viele ganze Tage zusammen verbringen können. Wenn wir trainieren machen wir fast alles gemeinsam. Oder um ehrlich zu sein: ich laufe hinter ihm her und versuche sein Tempo zu halten, ohne dass ich einen Herzinfarkt bekomme."

 
Quelle: fis-ski.com
Foto: Facebook Michelle Gisin