Fernando Schmed: "Das war definitiv eine heftige Erfahrung"

Fernando Schmed:
11.10.2017 16:14:43 | skionline.ch, Peter Gerber
peg. Für Fernando Schmed wird der Winter 2017/18 zu einem Neuanfang nach schwierigen Monaten. Im Interview spricht der Speed-Spezialist über die heftigen Folgen seiner im Dezember 2016 erlittenen Gehirnerschütterung.

Fernando Schmed hat unschöne Zeiten hinter sich. Während Monaten war der 26 Jahre alte Sarganser aufgrund einer am 8. Dezember 2016 erlittenen Gehirnerschütterung zum Nichtstun gezwungen (skionline.ch berichtete). Es waren schwierige Wochen für den Speed-Spezialisten. Es waren aber auch Wochen der Erfahrungen und Erkenntnisse, wie Fernando Schmed im Gespräch mit skionline.ch sagt.

Fernando Schmed, Sie trainieren derzeit in Saas Fee. Sind Sie mittlerweile beschwerdefrei?
Fernando Schmed: „Ja, körperlich bin ich in einem guten Zustand und ich kann voll trainieren. Endlich, denn während der Verletzungspause habe ich vieles gelernt – vor allem was geduldig sein betrifft.“

Weil Sie als Bewegungsmensch lange zum Nichtstun gezwungen waren?
„Ja genau. Es war wirklich eine schwierige Zeit für mich und ich musste auf mühsame Art und Weise lernen Geduld zu haben. Ich musste von Woche zu Woche schauen und immer wieder auf Fortschritte hoffen. Verletzt habe ich mich im Dezember und wirklich frei von Beschwerden bin ich erst seit Mai. Die lange Ungewissheit, während Monaten immer Kopfschmerzen, Schiwindelgefühle und als ganz mühsame Erscheinung die gesteigerte Vergesslichkeit – das ist körperlich und moralisch an die Substanz gegangen.“

Wie hat sich die Vergesslichkeit geäussert? Haben Sie Bezeichnungen für Gegenstände oder Namen zu Gesichtern vergessen und so richtige Gedächtnislücken gehabt?
„Das war definitiv eine heftige Erfahrung. Es war nicht so dass ich Dinge vergessen habe, die ich gewusst oder mal gelernt habe. Ich habe die Menschen erkannt und mit Namen begrüssen können, ich wusste Telefonnummern oder Postleitzahlen, aber ich hatte kein Zeitgefühl mehr und am Anfang wusste ich am Abend jeweils nicht mehr, was ich tagsüber gemacht hatte. Irgendwie war die Realität wie verschoben. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass gerade Linien – wie zum Beispiel ein Fensterrahmen – schräg sind. Erst nach knapp drei Wochen habe ich Tageszeiten, hell und dunkel wieder wahrgenommen. In dieser Zeit habe ich im Tagesschnitt 15 bis 18 Stunden geschlafen, ich war immer enorm müde und erschöpft.“

Waren Sie unter dauernder ärztlicher Kontrolle oder gar während längerer Zeit stationär in einer Klinik?
„Kollegen, die beim HC Davos Eishockey spielen, haben mich auf das Swiss Concussion Center der Schulthess Klinik aufmerksam gemacht. Zuerst habe ich gedacht, dass ich so nach zwei, drei Besuchen in der Spezialklinik wieder fit sein werde. Am Ende bin ich während zehn Wochen immer wieder dort gewesen. Die neurologische Physiotherapie hat mit ganz einfachen Übungen angefangen, um die Grenzen des Machbaren zu erfahren. Symptome wie Kopfweh oder Schwindel haben die Möglichkeiten zu Beginn eingeschränkt. Mit der Zeit konnte alles gesteigert werden und auch Drehbewegungen sind wieder ohne Folgen möglich geworden.“

Während der ersten Phase mit so vielen Schlafstunden haben Sie deutlich an Muskelmasse verloren...
„Stimmt, danach war ich wirklich nur noch ein Würstchen. Ende Januar, da war der Tiefpunkt etwa erreicht, hatte ich über zehn Kilo weniger Gewicht als normal. Und natürlich haben durch die verlorene Muskelmasse auch Saft und Kraft total gefehlt – ich war wie eine Banane. Spaziergänge waren fast nicht möglich. Für kurze Wege, die vor der Verletzung 15 Minuten in Anspruch genommen hatten, benötigte ich plötzlich bis zu einer Stunde. Mehrmals musste ich sogar vor der Hälfte der Strecke die Runde abbrechen weil ich völlig müde gewesen bin.“

Ab welchem Zeitpunkt waren Sie körperlich wieder in der Lage, das volle Trainingsprogramm zu absolvieren?
„Ab Mai war ich wieder soweit, dass ich die vollen Umfänge habe trainieren können. Das Skifahren hat noch nicht wirklich gut funktioniert und die hochwirksamen Übungen im Konditionsbereich konnte ich erst in Angriff nehmen als die körperliche Basis dafür wieder geschaffen war. Aber ich konnte stetig steigern. Ich habe im Sommer mit dem Rotor-Team in Liechtenstein den Aufbau gemacht und dort trainiert. Ab Ende Juli habe ich dann mit der Mannschaft das Schneetraining aufgenommen.“

Wie ist das Gefühl auf dem Schnee? Haben Sie noch Nachholbedarf oder sind Sie schon wieder so weit wie vor dem Unfall? Und ist der Zwischenfall auch mental verarbeitet?
„Ich habe bis zum jetzigen Zeitpunkt sicher etwas mehr Skitage als im Vergleich mit 2016. Ich habe auf der Piste keine Beschwerden mehr.“

Sie betonen „auf der Piste“. Daneben aber gibt es eine Veränderung?
„ Ja. Ich gehe einige Dinge bewusster an, glaube nicht mehr jeder Versprechung und bin realistischer geworden. Ein Beispiel: Zuversicht hole ich mir dank meiner Arbeit selber. Ich höre nicht auf Einflüsterer die mir – wenn auch gut gemeint – Fortschritte und eine tolle Zukunft attestieren. Ich kann selber abschätzen, wie die Entwicklung voran geht. Trainer, Betreuer und Kollegen die mit mir arbeiten nehme ich da aus. Die verbringen eine intensive Zeit mit mir und können abschätzen was ich tue. Wenn sie von Fortschritten sprechen, dann gibt das Zuversicht. Ich bin realistischer geworden. Die üblichen Schulterklopfer lasse ich nicht mehr so an mich ran.“

Wo siedeln Sie für die Comeback-Saison Ihre Ziele an?
„Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Definieren von Zielen schwierig. Grundsätzlich ist es so, dass ich einige Weltcup-Rennen bestreiten möchte. Priorität hat aber das Verbessern der FIS-Punkte. Im Jahr vor der Verletzung habe ich viele Weltcup-Rennen fahren dürfen. Dort habe ich Erfahrungen gesammelt, aber wenig Gutes für meine FIS-Punkte gemacht und mich vom Soll im Ranking entfernt. Da habe ich Nachholbedarf.“

Machen Sie die Übersee-Reise mit dem Speed-Team mit?
„Das ist noch nicht entschieden und wird bald besprochen.“

Sie sind mit 26 Jahren in einem guten „Abfahrer-Alter“. Wird 2017/18 nach der Verletzung zum Aufbau-Jahr, so dass sich die Fans 2018/19 auf den stärksten Fernando Schmed freuen dürfen?
„Schon aufgrund der FIS-Punktelisten kann man 2017/18 als Aufbau- oder Comeback-Saison sehen, ja. Ich habe 2015 die erste gesamte Weltcup-Saison bestritten und weiss daher, was künftig im Weltcup auf mich zukommt. Diese Erfahrung hat für die kommenden Jahre grossen Wert. Für heuer aber muss ich mehr von Woche zu Woche, von Einsatz zu Einsatz denken. Ich hoffe natürlich, dass ich mich dann 2018/19 und in den folgenden Jahren steigern kann.“
 
Foto: zvg / Facebook Fernando Schmed