Semyel Bissig: "Diese Chance bekommt man nur einmal im Leben"

Semyel Bissig:
14.08.2015 15:17:14 | skionline.ch, Peter Gerber
peg. Semyel Bissig gehört zu den Schweizer Nachwuchshoffnungen. Kürzlich hat der 17 Jahre alte Nidwaldner seinen ersten Podestplatz in einem FIS-Rennen erreicht. Und das – mit gutem Grund – in Neuseeland.

Unter Helm und Rennanzug steckt ein selbstbewusster, aber auch selbstkritischer junger Mann. In Neuseeland, wo er mit den Schwestern Carole und Chiara und unter der Leitung seiner Mutter trainiert, hat Semyel Bissig (ganz rechts im Bild) seine zweite Saison mit FIS-Rennen lanciert. Und der Winter 2015/16 soll besser werden als jener 2014/15, denn: "Ich war im ersten Winter nicht top zufrieden mit den gesammelten FIS-Punkten. Ich hoffe, dass ich schon bei den Rennen hier in Neuseeland die FIS-Punkte verbessern kann". Konkret will der Nidwaldner in seinen Paradedisziplinen Slalom und Riesenslalom in der FIS-Punkteliste Werte in den tiefen 20er-Zahlen erreichen (aktuell weist Bissig 34,88 Punkte im Slalom und 35,56 im Riesenslalom auf). Das Wunschergebnis würde Bissig in den technischen Disziplinen in die Gegend von Rang 250 der FIS-Punkteliste bringen. Derzeit liegt der 17 Jahre alte Nachwuchsmann an 551. Stelle im Slalom und belegt Platz 606 im Riesenslalom. Den Anfang hat Bissig schon mal gemacht. Beim von Marc Gini (Bildmitte) gewonnenen FIS-Slalom von Coronet Peak schaffte es der junge Schweizer erstmals in einem FIS-Rennen als Dritter auf das Podest und holte sich 27,11 FIS-Punkte.

Dass Familie Bissig ihre Zelte zu dieser Jahreszeit in Neuseeland aufgeschlagen hat, hat für Bissig – der vom Land völlig fasziniert ist – gute Gründe. "Ob ich im Sommer 40 Skitage auf dem Gletscher oder 35 Tage in Neuseeland verbringe, macht einen grossen Unterschied. Auf dem Gletscher trainiere ich auf bis zu 4000 Höhenmetern und kann in der dünnen Luft nicht so viele Fahrten machen. Zudem verliere ich in der Höhe zu viel Kraft für die wichtigen Rennen Ende Saison. In Neuseeland aber trainiere ich auf rund 1500 Metern, kann pro Tag 15 Läufe fahren und fühle mich dennoch nicht müde." Semyel Bissig setzt voll auf die Karte Ski. „In einem andern Beruf arbeiten kann ich noch den ganzen Rest meines Lebens. Die jungen Jahre muss ich nutzen – man bekommt ja schliesslich nur einmal im Leben die Chance, Skirennfahrer zu werden“, sagt der Zentralschweizer und schickt überzeugt hinterher: „Und wenn das Potenzial auf eine gute Karriere hindeutet, dann sollte man es ausnützen.“

Und Potenzial ist beim jungen Fahrer des Skiclubs Bannalp-Wolfenschiessen zweifellos da. Körperlich ist Semyel Bissig schon weit und das technische Können sieht der Nidwaldner selbst als eine seiner grössten Stärken. Aber er sieht auch Luft nach oben. „Im mentalen Bereich kann ich mich noch verbessern. Ich muss lernen, meine Trainingsleistungen im Rennen umzusetzen. Ich fahre im Rennen zu sehr auf Sicherheit und greife zu wenig konsequent an. Daran muss ich noch arbeiten.“ Bissig ist bisher von Verletzungen weitgehend verschont geblieben. In Neuseeland hat er sich einen Tag vor dem ersten Renneinsatz eine schmerzhafte Muskelquetschung im Unterschenkel zugezogen. „Zum Glück haben wir im Team eine gute Physiotherapeutin. Sie hat mir schnell und gut geholfen. Trotzdem musste ich die ersten Renntage mit Schmerzmitteln fahren.“

Auf die Frage, ob die Familie Bissig „skiverrückt“ sei, kommt sofort das Nein. Vielleicht auch, weil der Ausdruck einen negativen Touch hat., korrigiert der Athlet: „Wir sind nicht skiverrückt. Wir verfolgen nur ganz intensiv unseren Traum.“ Das grosse Vorbild von Semyel Bissig ist der vierfache Gesamtweltcupsieger Marcel Hirscher. Er versuche, sich vom Österreicher – mit dem er auch schon das eine oder andere Wort persönlich gewechselt hat – etwas abzuschauen, gesteht Bissig. Aber: „Kopieren aber ist nicht immer die richtige Lösung. Jeder Skifrennfahrer hat seinen eigenen Stil und diesen sollte man nicht gross ändern, weil sonst die Technik darunter leiden könnte. Marcel Hirscher ist für mich ein Sportler, den man sich zum Vorbild nehmen kann. Bei ihm stimmt das Gesamtpaket: wie er trainiert, wie er Ski fährt, wie er Interviews gibt, wie er sich vorbereitet, das passt einfach.“

Denkt der Nidwaldner gar daran, bei den Olympischen Spielen 2018 vielleicht gegen den Markenkollegen Hirscher anzutreten? „Ich kann heute nicht sagen, ob Olympia in drei Jahren für mich in Frage kommt. Es ist sicher ein Fernziel, aber ich lebe in der Gegenwart. Und in der Gegenwart ist 2018 noch weit weg.“ Näher liegen da die Olympischen Jugend-Winterspiele vom Februar 2016 in Lillehammer. Für diesen Anlass möchte sich Semyel Bissig qualifizieren. Mehr noch, er möchte sowohl im Slalom wie im Riesenslalom jeweils um den Sieg mitkämpfen. „Ich hoffe auch, dass ich 2015/16 zu einigen Europacup-Starts komme“, schaut der 17-Jährige auf die kommenden Monate. Und dann gibt er dem Fragenden doch noch einen Einblick in die sportlichen Zukunftswünsche: „Ich hoffe, dass ich in fünf Jahren an der Spitze im Weltcup mit dabei bin.“
Fotos: zvg / SB