Marc Gisin: "Mein Körper war ständig in Alarmzustand"

Marc Gisin:
12.04.2017 16:48:23 | skionline.ch, Peter Gerber
peg. Marc Gisin hat die Saison 2016/17 wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer Spätfolge des heftigen Sturzes 2015 in Kitzbühel, verpasst. Nun ist der 28 Jahre alte Engelberger wieder fit und freut sich auf den nächsten Winter. Im Interview mit skionline.ch erzählt Gisin über die lange Zeit des Gesundwerdens.

Marc Gisin, ihr jüngstes Posting in den sozialen Medien zeigt Sie beim Ziehen eines Kleinbusses (siehe unten). Sind Sie wieder soweit fit, dass Sie Bäume ausreissen könnten?
„Das Bild stammt aus dem Jahr 2008, ist also keine aktuelle Aufnahme. Die Aussage dahinter aber stimmt schon. Ich habe mit dem Posting zeigen wollen, dass ich ein negatives Erlebnis verarbeitet habe und ich die Situation auch mit einer Portion Humor nehmen kann. Das ist bei mir mittlerweile auch der Fall. Bäume ausreissen oder Busse ziehen muss aber noch nicht sein. Es geht mir jedoch so gut, dass ich einen sauberen Aufbau der Kondition machen kann damit ich im August, wenn es dann wieder auf die Ski geht, bei Kräften und bereit bin.“

Nachwirkungen des heftigen Sturzes im Super-G von Kitzbühel (2015) haben dafür gesorgt, dass Sie im Winter 2016/17 haben pausieren müssen. Der Mediziner spricht von posttraumatischen Belastungsstörungen. Können Sie uns erklären, wie sich diese Störungen geäussert haben?
„Ich hatte als Hauptsymptome Schlafstörungen und einen Tinnitus. Die Schlafstörungen haben natürlich einen ganzen Rattenschwanz an Folgen mit sich gebracht. Mein Schlaf war nicht mehr erholsam und ich war – das hatte sich wie ein Muster festgesetzt – immer um zirka vier Uhr in der Früh hell wach. Daneben waren noch zwei, drei kleinere, weniger beeinträchtigende Dinge. Es waren alles Symptome, die sich alle schon unmittelbar nach dem Sturz 2015 bemerkbar gemacht hatten und dann im August 2015 weg waren. Im Oktober 2016 waren aber all diese Symptome wieder da – und zum teil heftiger und ausgeprägter als zuvor.“

Nicht genügend und nicht genügend erholsam schlafen zu können muss für einen Spitzensportler extrem schwierig sein. Und für einen Abfahrer auch gefährlich ....
„Genau. Und wenn sich das jede Nacht wiederholt und sich über Wochen, sogar Monate hinzieht, dann zehrt das enorm an der Substanz. Mit der Zeit haben sich dann auch eine innere Unruhe und ein ständiger Stress-Zustand aufgebaut. Die Spezialisten kamen dann zum Schluss, dass eben eine posttraumatische Belastungsstörung vorliege. Das heisst, dass etwas – wohl im Zusammenhang mit dem Sturz – nicht endgültig verarbeitet war. Dadurch hat sich der Körper ständig in einer Art Alarmzustand befunden und Adrenalin ausgeschüttet. Das war mit der Zeit sehr anstrengend – auch für die Psyche und die Moral. Auch darum, weil es keine Therapiemöglichkeit gegeben hat, die sofort für eine Besserung gesorgt hätte.“

Wenn ein Skifahrer einen Arm im Gips hat oder wegen einer Beinverletzung an Krücken geht, ist das für alle nachvollziehbar. War es mühsam, Dritten Ihre gesundheitlichen Probleme zu erklären?
„Das war nicht einfach, ja. Wenn mich jemand angeschaut hat, dann hat er die körperliche Erschöpfung und den moralischen Zustand ja nicht auf den ersten Blick mitbekommen und hätte darum denken können, dem Gisin geht es doch gut. Viele haben, und das verstehe ich auch, nicht wirklich nachvollziehen können, was mit mir los ist. Vielleicht hätte ich mit diesen Symptomen als Angestellter mit einem Bürojob sogar mehr oder weniger funktionieren können, aber als Abfahrer war das nicht möglich. Das wäre zu gefährlich gewesen.“

Wie sind Sie dann vorgegangen? Sie mussten ja wahrscheinlich physisch und psychisch an der Gesundung arbeiten?
„Es war eine komplexe Sache und auch extrem schwierig, den richtigen Ansatz zu finden. Ich habe dann unter anderem mit einer EMDR-Therapie (Eye Movement Desensitization and Reprocessin, die Red.) gearbeitet. Diese Therapie, aber auch andere Massnahmen haben gemeinsam zu einer Besserung geführt. Aber das war ein langwieriger Prozess, der auch Geduld gebraucht hat. Ich hätte nicht gedacht, dass die Heilung so lange dauert und es so viel Zeit braucht, bis mein Körper wieder einen vernünftigen Tag-Nacht-Rhythmus annimmt. Umso glücklicher bin ich jetzt, dass es mir wieder gut geht und ich gesund bin.“

Wie sehen die Prognosen aus? Können diese Störungen plötzlich wieder auftreten?
„Das ist ebenso schwierig zu sagen, wie es schwierig war, eine Lösung dafür zu finden. Persönlich habe ich das Gefühl, die Sache im Griff zu haben. Ich habe dem Körper die nötige Zeit gegeben – möglicherweise hätte ich das unmittelbar nach dem Sturz 2015 schon tun müssen. Ganz grundsätzlich haben mir die letzten Monate noch deutlicher aufgezeigt, wie wichtig Regeneration und Erholung sind. Sicher bin ich heute sensibilisierter und höre noch besser auf meinen Körper. “

Wie ist es Ihnen – abgesehen von den gesundheitlichen Problemen – damit gegangen, eine ganze Saison nur zuschauen zu müssen?
„Das war sehr schwierig. Im Herbst 2016 habe ich mich wirklich gut gefühlt, war schnell, das Material hatte gepasst und ich war überzeugt, alles überstanden zu haben. Und ich war ebenso überzeugt, dass in der WM-Saison 2016/17 für mich einiges möglich sein wird. Dann kam das Aus. Ich habe das Skifahren extrem vermisst. Das zeigt mir auch, wie sehr ich eben Skirennfahrer sein will.“

Was haben Sie am meisten vermisst? Das Umfeld mit Trainern, Serviceleuten und Rennfahrerkollegen oder den Wettkampf?
„Primär den Wettkampf an sich. Natürlich hat mir auch der ganze Zirkus mit all seinen Figuren, Menschen und Abläufen gefehlt. Als die Klassiker in Wengen oder Kitzbühel auf dem Programm standen war ich gedanklich selber fast dort. Ich habe gewusst, was die Kollegen jetzt tun, wie sie sich vorbereiten. So ganz vertraute Mechanismen haben mir gefehlt. Es war manchmal schwierig, los zu lassen.“

War es auch schwierig, Rennen am TV verfolgen zu müssen?
„Das Lauberhorn-Rennen habe ich nicht gesehen, weil ich abwesend war. Aber Kitzbühel habe ich geschaut – es war ein eindrückliches Rennen. Aber grundsätzlich habe ich es eher vermieden, Rennen zu schauen. Ausser jene von Michelle, die habe ich mir möglichst angeschaut. So bin ich auch immer irgendwie ein bisschen dabei gewesen. Jetzt aber bin ich hungrig darauf, auch wieder aktiv dabei zu sein.“
Fotos: Agence Zoom


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