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Sicherheit für Alpin-Weltklasse – Die Quadratur des Kreises

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Die Damenbewerbe in Garmisch-Partenkirchen haben am Wochenende eine Schneise durch das Starterfeld gezogen. Zumindest zwei Läuferinnen müssen ihre Saison als Resultat von Stürzen vorzeitig beenden, alleine in der Abfahrt am Sonntag gab es zahlreiche Crashs. Doch selbst die simpel klingende Forderung nach
Einheitsanzügen aus dickerem Material scheint im Ski-Weltcup derzeit nicht realisierbar.

Während bei den Hahnenkammrennen in Kitzbühel in diesem Jahr im historischen Vergleich relativ wenig gravierende Verletzungen passiert sind, schlug die Schattenseite des alpinen Rennsports in Oberbayern brutal zu. Michelle Gisin erlitt im Training ohne Sturz schwere Knieverletzungen und muss ihre Saison vorzeitig abschreiben, Cornelia Hütter trug am Sonntag unter anderem eine Knieverletzung davon. Am schlimmsten erwischte es aber Federica Sosio: Die Italienerin zog sich einen Schien- und Wadenbeinbruch zu, auch für die 24-Jährige ist die Saison vorbei. Bei der Siegerehrung hatten ihre Teamkolleginnen Tränen in den Augen.

Und das fast exakt 25 Jahre nach dem tödlichen Unfall der Österreicherin Ulrike Maier in der Abfahrt von Garmisch-Partenkirchen.  Seitdem hat sich die Sicherheit im Skiweltcup deutlich erhöht: Effektive Hochsicherheits-Fangnetze, blaue Spurlinien im Schnee, bessere Helme und zuletzt auch die Einführung von Airbags sind Beispiele. Oft wurde aber erst nach schweren Unfällen reagiert und nachgebessert. Todesstürze sind auch ein Vierteljahrhundert später nicht zu verhindern. Es ist nur knapp ein Jahr her, dass der Franzose David Poisson und der Deutsche Nachwuchsfahrer Max Burkhart im Training bzw. einem Rennen in Kanada ums Leben gekommen sind. Deshalb bezeichnet auch Michaela Dorfmeister, Doppel-Olympiasiegerin und Gesamtweltcupsiegerin, den Skirennsport weiter als eine der gefährlichsten Sportarten überhaupt und zudem als „Entwicklungsland“.

Die Sicherheitsdiskussion wird im Ski-Weltcup zwar laufend geführt, handfeste Resultate lassen aber auf sich warten. „Ich glaube schon, dass sich eine Menge getan hat“, meinte Atle Skaardal, der Renndirektor des Ski-Weltverbands (FIS) für die Frauen. „Es gibt ständig eine gewisse Entwicklung, etwa wie viele Netze man aufstellt oder die Qualität der Sicherheitsinstallationen.“

Doch gleichzeitig bleiben genug offene Punkte – von einer Entzerrung des dichten Rennkalenders bis zur verpflichtenden Einführung von Sicherheitsmaßnahmen wie dem Airbag. Athletensprecherin Tina Weirather wiederholte am Wochenende die alte Forderung nach einem dickeren Anzug. „Jeder, der sich mit
Rennanzügen beschäftigt, weiß, dass das gleich mal eineinhalb Sekunden ausmacht. Und wenn man eineinhalb Sekunden langsamer ist, dann sinkt die Verletzungsgefahr“, sagte die Liechtensteinerin.

Hannes Reichelt hatte dieses Thema schon beim FIS-Kongress im Mai in Griechenland aufgebracht – und war abgeblitzt. „Ich habe der FIS vorgeschlagen, dass wir dickere Anzüge mit anderen Schnitten und Protektoren bekommen aus einem Einheitsmaterial. Aber passiert ist nichts“, erklärte Reichelt, laut dem die Sportler mehrheitlich dafür plädiert hätten. In den FIS-Gremien sei der Widerstand zu groß gewesen. „Wie Hannes Reichelt kürzlich eh erst gesagt hat, dass den Athletenvertretung beim FIS für den Hugo ist. Es sitzen einfach viel zu viele Leute oben, die noch nie ein Skirennen gefahren sind und sich noch nie in einem Risikobereich bewegt haben, geschweige denn dieses Risiko erkennen“ äußerte Michaela Dorfmeister zum Thema. „Da ist noch viel Luft nach oben. Es ist immer noch Entwicklungsland.“

Hinzu kommt die Befürchtung, dass sicherheitstechnische Neuerungen beim Material automatisch einen langsameren und ergo weniger interessanten Sport bedeuten würden. Das sei für das Potenzial, den Ski-Weltcup bei Partnern gewinnbringend verkaufen zu können, nachteilig. „Dann kommen wir langsamer irgendwo hin, dann sagt die FIS wieder, wir müssen schneller werden“, orakelte ÖSV Sportdirektor Puelacher. Dem gegenüber steht das Paradoxon, dass während die letzte 20 Jahren mit den steigenden Geschwindigkeiten die Zuschauerzahlen und Sponsorengelder insgesamt gesunken sind.

Tatsächlich sind die Interessenslagen und Abhängigkeiten divers. Sportler, Trainer, Herstellerfirmen, Funktionäre, Veranstalter, Medien, Vermarkter – die unterschiedlichen Ziele zu vereinen und alle auf einen Nenner zu bringen, kommt der Quadratur des Kreises gleich. Die Forderung nach weniger Rennen und längeren Pausen dazwischen, um die Belastung zu verringern, wird somit ebenfalls kaum umzusetzen sein. Mindestens ohne drastische Verletzungsmengen.

 

Gesichten im alpinen Skirennsport: Michaela Dorfmeister

Michaela Dorfmeister (45) war zwischen 1991 und 2006 Weltcup-Skirennläuferin, hat 25 Weltcuprennen und 2001/02 den Gesamt-Weltcup gewonnen. Weltmeisterin wurde sie 2001 in der Abfahrt und 2003 im Super-G, 2006 Doppel-Olympiasiegerin. Die in Wien geborene Niederösterreicherin ist heute als Vizepräsidentin im Landesskiverband Niederösterreich für den Kinder- und Jugend-Alpinbereich zuständig sowie neben Alexandra Zemsauer und Karin Skaardal eine von derzeit nur drei weiblichen österreichischen Technischen Delegierten im Internationalen Skiverband (FIS). Als solche ist Dorfmeister im Weltcup rechte Hand des Renndirektors und Mitglied der Renn-Jury und zuständig dafür, dass Skirennen entsprechend den FIS-Regeln ablaufen.

Quelle: APA

Foto: Agence Zoom

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Elina Kalela

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