Geschichte

Das postheroische Zeitalter im Skisport

Die Diskussionen um den Rücktritt von Marcel Hirscher vor etwas weniger als zwei Wochen prägen immer noch das Geschehen im alpinen Skisport. Zweifellos ist das Karriereende des dominierenden Rennläufers eines ganzen Jahrzehnts eine Zäsur. In den österreichischen Medien schwang ob des ausgeprägten Medieninteresses bis hin zur New York Times und zu CNN immer ein gewisser Stolz mit. Den Historiker und Sportwissenschafter Rudolf Müllner mutet dieser Nationalstolz etwas kurios an. Obwohl Hirscher mit seinem muskulösen Körper Attributen der maskulin-heroisch geprägten Vergangenheit entspreche, sei der Skisport im postherioschen Zeitalter angekommen, meint Müllner.

Dabei war die österreichische Skigeschichte stets durch Heldenerzählungen gespeist worden. Die erste von diesen lieferte Toni Sailer mit seinen drei Goldmedaillen bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d´Ampezzo 1956. Studien belegen, dass die Erfolge Sailers nicht unwesentlich zur Festigung einer nationalen Identität der noch wackelig anmutenden Zweiten Republik beigetragen hatten. Der österreichische Skiheld der 1970-er Jahre war Franz Klammer, dessen Olympiasieg in Innsbruck 1976 zum kollektiven Gedächtnis der damaligen Generation gehört. Hermann Maier wiederum lieferte 20 Jahre später mit seinem spektakulären Sturz in Nagano und den anschließenden Olympiasiegen im Super-G und Riesenslalom eine erneute klassische Heldenerzählung.

Gemessen an Medaillen und Punkten – und dabei geht es im Skisport nun einmal – stellt Marcel Hirscher die Genannten allesamt in den Schatten. 67 Weltcupsiege, zwei Goldmedaillen bei Olympia, sieben Weltmeistertitel, acht große und zwölf kleine Kristallkugeln lautet seine beeindruckende Bilanz. Was Hirscher – zu seinem Glück natürlich – fehle, sei ein bisschen die Tragödie, meint Rudolf Müllner. Er verkörpert den geradlinigen Star ohne besondere Rückschläge und Verletzungen. Als selbstverachtender Draufgänger wie einst Klammer oder Maier sei Hirscher nicht wahrgenommen worden. Obwohl in Kitzbühel immer noch heraufbeschworen, sei das Heroisch-Maskuline in der heutigen Zeit eher geschäftsstörend, meint Müllner. Nach ihm wäre der Rücktritt Hirschers auch eine gute Gelegenheit, über den Zustand des österreichischen Spitzensports insgesamt nachzudenken. Hirscher war ja weniger ein Produkt des österreichischen Sportsystems, sondern vielmehr Ausdruck der Lebensenergie seiner Familie.

 

Quelle: Der Standard, 2. September 2019

Foto: Agence Zoom

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Redaktion skionline

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