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FIS verbietet Fluoridwachse zu rasch mit falschen Argumenten und handelt gegen EU-Binnenmarktregeln

Der Internationale Ski-Verband (FIS) verbietet ab 1. Juli in sämtlichen Disziplinen den Einsatz von Fluor-Wachsen. Das Verbot werde ab der kommenden Saison mittels Ski-Kontrollen durch eigens entwickelte Methoden überwacht, bei einem Verstoß komme es automatisch zu einer Disqualifikation, teilte die FIS am Dienstag mit. Glaubenswürdige und umsetzbare Kotrollmethode sind zur Zeit für alle Partein, außerhalb FIS, noch unbekannt.

Der FIS-Council gab schon im vergangenen November bekannt, dass er ein Verbot der Verwendung von Fluorid in allen seinen Disziplinen verhängt hat und dass das Verbot in einem Jahr in Kraft treten werde. Die Entscheidung wird vor allem auf die Skiwachsindustrie massive Auswirkungen haben.

Mehrere Wachs- und Ausrüstungshersteller kritisierte in April besonders das Rolle der finnische FIS-Vorstandsmitglieds Martti Uusitalo (Vorstandsvorsitzender und Aktionär des Finnische Wachsunternehmens VAUHTI) bei der Fluorentscheidung. Neben Uusitalo wurde auch der norwegische Olympiasieger Vegard Ulvang (Mittglied des Aufsichtsrat der Swix und Chef der FIS Langlauf Committee ) kritisiert. Der Zeitpunkt und die Umsetzung des Fluorbeschlusses werfen zahlreiche Fragen auf, die von den Waxherstellern, den Chefs der großen Skifirmen und dem Exekutivdirektor des SRS (Verband der Ski Racing Suppliers), sowie von zahlreiche Servceleute gestellt werden.

Trotz des Entscheiduns, der diese Woche bekannt gegeben wurde, ist die FIS nach allgemeiner Auffassung der Ski-Industrie nicht in der Lage, die Regeländerung in den verbleibenden weniger als fünf Monaten vor Beginn der WC-Saison vernünftig und fair durchzusetzen. FIS ist aber auch nicht bereit, ihre November-Entscheidung zurückzuziehen. Wie bei den Corona-Entscheidungen im Februar scheint es auch beim Fluorwax-Problem einen Mangel an professionellen Entscheidungsprozessen bei der FIS-Organen zu geben.

Auch die SRS wurde bei den Vorbereitungsarbeiten im Vorfeld der Entscheidung über das Fluorverbot völlig ignoriert.

So wurde zum Beispiel auf der FIS-Sitzung in Zürich im vergangenen Oktober kein Fluoridverbot diskutiert. „An der Sitzung wurde lediglich ein Interview präsentiert, in dem Vegard Ulvang sagte, er sehe Fluorid als ein grösseres Problem in der Zukunft als Doping“, sagt Rudi Huber, der CEO des SRS. „Danach dachte ich, okay, es könnten einige Regeländerungen anstehen, aber einen Monat später war das Fluoridverbot bereits abgeschlossen. Es war sehr merkwürdig“, sagt Huber.  „Für den SRS ist es kein Problem, dass die FIS ein Fluoridverbot will. Es wäre jedoch sinnvoll gewesen, wenigstens ein paar Jahre darauf zu verwenden, um es durchzusetzen“, fügt Huber hinzu. Übrigens schlug die schwedische Svedlund-Arbeitsgruppe, die mit der FIS seit mehrere Jahren zusammenarbeitete, in der Schluss-Reporting im September 2019 vor, dass ein Übergang zum fluoridfreien Wachsen auf Weltcup-Niveau in fünf Jahren erfolgen könnte. Damit wäre das Fluoridverbot im Zeitraum 2024-2025 einsatzbereit gewesen. Laut Svedlund legte seine Arbeitsgruppe in ihrem Bericht Transformationsrichtlinien vor. Die grösste Herausforderung bei dem Verbot seien die Testing gewesen, wie bereits mehrfach erwähnt. Der FIS Langlauf Renn-Chef Mignerey versichert, dass er zuversichtlich ist, dass der Fluorid-Test in der nächsten Saison durchgeführt wird, obwohl er nicht sagt, wann der Test der Öffentlichkeit vorgestellt werden könnte. Viele Profis der Skiindustrie stellen den vorgegebenen Zeitplan in Frage. Einer der Kritiker ist HEAD Rennsportchef Rainer Salzgeber aus Österreich. Salzgeber sagt, dass die FIS den Test nach seinen Angaben frühestens im September vorstellen wird. Der alpine Ski-Weltcup soll einen Monat später im österreichischen Sölden beginnen.

Einige Hersteller befürchten, dass der Skisport an Attraktivität verliert, wenn die FIS ihre Fluorid-Entscheidung nicht zurückzieht. Es findet ein leiser kampf um die Zukunft des Sports statt.

Um zu verstehen, worum es bei der Entscheidung über den Fluoridverbot geht, muss man zunächst verstehen, was Fluoridstoffe im Skisport bedeuten und warum ein Verbot für den Sport schädlich sein kann.

Seit den Langlauf-Weltmeisterschaften Lahti in 1989 gab es bis heute 198 persönliche olympische Medaillen und 372 persönliche WM-medaillen allein im Skilanglauf. Der revolutionäre Charakter von Fluor spiegelt sich in der Tatsache wider: in jeder der Hunderte von Medaillen, die oben erwähnt wurden, war Fluor in jeder einzelnen enthalten. Der Grund dafür ist einfach: Fluorid ist das beste Element, um Schmutz und Wasser abzuweisen, was bedeutet, dass das Gleiten des Skis seine Wirksamkeit länger behält als bei einem nicht fluorierten Ski. Im Laufe der Jahre haben die Wachshersteller eine große Anzahl fluoridfreier Skiwachse für den Markt entwickelt, aber im Profiskifahren dominiert Fluorid seit mehr als 30 Jahren weiterhin. Dafür spielt Fluor auch in Alpinen eine Rolle seit fast 30 Jahre.

Heute finden sich in der Ausrüstung eines jungen Athleten, der in der Nähe der nationalen Spitze Ski fährt (Langlauf- und Alpin-Speed), mehrere Paar Skier für unterschiedliche Wetterbedingungen. Dies hat dazu geführt, dass Skifahren als Sportart deutlich teurer geworden ist als früher. Obwohl Fluoridwachse teuer sind, haben sie den Unterschied zwischen einem High-Budget- und einem Low-Budget-Sportler erträglich gehalten. Dasselbe gilt für Nationalmannschaften. Wenn Fluorid nicht zum Wachsen verwendet werden darf, wird die Bedeutung des Grinding der Unterseite des Skis drastisch betont. Auf der obersten Ebene ist die Grinding der Skiunterseite ein eigenes Kunstfeld, wo die notwendige Schleifmaschine und das Fachpersonal erhebliche Kosten verursachen. Diese sind Methoden, die selbst bei den um den Weltcup teilnehmenden Mannschaften nicht üblich sind, sondern in der Regel von der Skiindustrie geliefert werden.

Wenn ein Skifahrer aus einer einkommensschwachen Familie nur ein Paar Skier hat, die für frostige Temperaturen optimiert sind, und das Rennen auf einer Wasserrutsche ausgetragen wird, ist Fluoridwax seine einzige Chance, seinen Ski konkurrenzfähig zu machen. „Ein mit Fluorid geschmierter Ski, der nicht für das Wetter geeignet ist, funktioniert dank Fluor gleichmäßig über 3 bis 5 Kilometer, danach kann Fluorid dem Absorptionseffekt nicht mehr standhalten. Ohne Fluorid machen sich die Unterschiede in der Gleitfähigkeit sofort beim Start bemerkbar“ erklärt erfahrene ski-industrie Profi Herr Lamminsivu, der seit Jahren mit Skibrands und Waxen Star und Zipp zu tun hat.

Warum wird die FIS Fluorwaxen abschaffen? Eine Antwort kann ab Sommer 2013 gefunden werden.

Damals stellten die italienischen Gesundheitsbehörden fest, dass in den Gewässern der Region Veneto in den nordöstlichen Regionen des Landes erhebliche Mengen an Chemikalien vorhanden waren. Der Wissenschaftler fand perfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS). Unter den PFASs wurde Perfluoroctansäure (PFOA) im Wasser gefunden. Als Verursacher der Emissionen wurde der italienische Chemiekonzern Miteni S.p.A. identifiziert, gegen den seit mehreren Jahren offiziell wegen Umweltkriminalität ermittelt wird. Das Unternehmen ging schließlich im November 2018 in Konkurs. Wie hängt dies mit dem Skisport zusammen? Miteni S.p.A. produzierte Fluorid für die norwegische Firma Swix, das weltgrößte Skiwachsunternehmen.

Der zweite Swix-Fluorid-Fall geht auf das Jahr 2015 zurück. Swix musste in Heimatland Fluoridfragen beantworten, als eine Frau, die als Freiwillige im Skidienst eines norwegischen Skiclubs arbeitete, im Alter von 49 Jahren an Nierenkrebs starb. Vor ihrem Tod gab die Frau norwegischen Zeitungen Interviews, in denen sie sagte, dass sie glaubte, der Krebs sei auf die Fluoridwachse von Swix zurückzuführen. Obwohl keine wissenschaftlichen Fakten für die Behauptung der Frau gefunden wurden, erlangte der Fall Publizität, insbesondere in den nordischen Medien. Die Dämonisierung der Fluoridwaxen begann.

Wenn wir von den wirksamsten Fluorpulvern in Waxindustrie sprechen, meinen wir chemisch perfluorierte Substanzen, d.h. PFAS-Substanzen, bei denen die Wasserstoffatome in der Kohlenwasserstoffkette durch Fluor ersetzt sind. Zu den wirksamsten Produkten beim Skiwachsen gehört die C8-Kette, die acht Fluoratome enthält. Im Gegensatz zu den Behauptungen verbietet die Gesetzgebung, die im Juli in der EU in Kraft treten wird, nicht die Herstellung von C8-Ketten-Fluorprodukten, sondern legt einen Grenzwert fest, den der PFOA-Gehalt des Produkts nicht überschreiten darf. Ab Juli liegt der Grenzwert bei 25 Teilen pro Milliarde pro Präparat. Noch im vergangenen Jahr wurde dieser Grenzwert bei C8-Fluorprodukten überschritten, aber seitdem sind C8-Fluorprodukte auf den Markt gekommen, die neuen Normen entsprechen. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch ein verbessertes Fluoridreinigungsverfahren, das aber auch den Preis des Rohmaterials erhöht hat.

Ab Juli wird die Herstellung von langkettigen Fluorprodukten in EU also weiterhin legal sein, aber mit seinem Verbot am 23. November 2019 will die FIS die Verwendung von fluorierten Produkten im gesamten Skisport verbieten.

In einem am 23. November 2019 veröffentlichten Bulletin kündigte die FIS an, dass sie ab der Saison 2020-2021 Fluoridwachse verbieten werde. Der Beschluss wurde im 115-seitigen Sitzungsprotokoll des FIS-Vorstands auf Seite 103 erwähnt. Darin kündigte die FIS an, dass sie eine Arbeitsgruppe einsetzen werde, die sich mit der Umsetzung bereits getroffener Entscheidungen und mit Fragen im Zusammenhang mit der Umsetzung, z.B. mit Tests, befassen werde. In ihrer Mitteilung argumentierte die FIS, dass die Entscheidung auf der Umweltunfreundlichkeit der Fluoridwachse bestand. Das Fluoridverbot basiere auch auf einer gesetzlichen Beschränkung, die in der Europäischen Union im Juli 2020 in Kraft treten werde, was nach Ansicht des FIS-Experten die Herstellung von Fluorprodukten in Zukunft erschweren würde. In ihrer Mitteilung erklärte die FIS weiter, sie habe einen Bericht von Martti Uusitalo erhalten, der als Experte in der FIS-internen Diskussion über Fluor fungiert habe. Uusitalo ist Mitglied des FIS-Verwaltungsrates und zusätzlich zu seiner Vertrauensposition auch Vorstandsvorsitzender des Wachsherstellers Vauhti Speed GmbH. Vauhti ist einer der grössten Akteure im Wachsgeschäft direkt hinter Swix. Der FIS-Pressemitteilung zufolge sagte Uusitalo, dass nach Inkrafttreten der neuen EU-Verordnungen die einzige Möglichkeit, eine „funktionierende“ Testpraxis für Fluorbenutzung zu entwickeln, sei das Verbot aller Fluorprodukte bei FIS-Wettbewerben. Laut Uusitalo wird die Fluor-Entscheidung der FIS auch als Katalysator für die Akteure der Industrie wirken, um die Produkte in Zukunft umweltfreundlicher zu machen. Seine eigene Firma, Vauhti, würde als Musterschüler für diesen Prinzip fungieren.

Private Verband als kommerzielles Instrument

Vier Tage nach der FIS-Entscheidung stellte Uusitalos Waxfirma Vauhti seine neue fluoridfreie Kollektion auf den Markt vor. Die Kollektion basiert auf der nicht-fluorierten Waxen. Vauhti meldete den Namen seiner neuen Kollektion schon am 24. April 2019 – sechs Monate vor dem FIS-Fluoridverbot – bei der finnischen Patent- und Registrierungsbehörde an. Der Zeitpunkt der Freigabe der neuen Kollektion könnte als verwirrend zeitgerecht bezeichnet werden.

Uusitalo hätte von der Tätigkeit als FIS-wax-Experte ausgeschlossen werden müssen, wenn der FIS-Vorstand über ein Fluoridverbot entschieden hat. Obwohl die FIS in gewisser Weise ein privater Geschellschaft ist, ist sie auch eine öffentliche Organisation, die indirekt Vorschriften für den europäischen Wachsmarkt erlässt. Es hätten gemeinsame Wettbewerbsvorschriften und Marktgesetze, die die Unternehmen in der EU leiten, auch hier berücksichtigt werden müssen. FIS und Uusitalo haben eindeutig Spekulationen über die Verletzung von Kartell- und Frei-Wettbewerbsgesetzen der EU-Binnenmarkt provoziert. Das allein ist eine üble Sache, die nicht hätte passieren dürfen. Die FIS befindet sich jetzt in einer schwierigen Situation. Es ist schwer zuzugeben, dass bei der Vorbereitung des Falles ein Fehler gemacht wurde.

Quelle: YLE Finnland (Original Artikel), APA, FIS

Foto: skionline

 

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Elina Kalela

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