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Im Porträt: Die neuen Gesamtweltcupsieger

Gesamtwelcupsiegerin_Federica_Brignone_mit_grosse_Kugel

Zwei neue Sieger des Gesamtweltups hat die vor etwas mehr als einem Monat sehr abrupt zu Ende gegangene Saison 2019/20 mit sich gebracht. Nie zuvor in seiner mehr als 50-jährigen Geschichte hatte der Weltcup auf diese Art und Weise geendet. Mittlerweile wissen wir, dass diese Maßnahme mehr als gerechtfertigt war, immerhin müssen wir uns in vielerlei Hinsicht mit Tatsachen abfinden, die wir bisher in dieser Form nicht gekannt haben. Dass nach dem Rücktritt von Marcel Hirscher bei den Herren ein neuer Sportler sein Nachfolger als Gesamtweltcupsieger werden würde, war klar. Dass bei den Damen die klar als Favoritin gehandelte Mikaela Shiffrin ihren Sieg vom vergangenen Jahr nicht verteidigen konnte, war ebenfalls auf besondere Umstände zurückzuführen.

Ende Jänner hatte es noch ganz nach dem vierten Gewinn des Gesamtweltcups für Mikaela Shiffrin ausgesehen, obwohl zu Beginn des Monats noch viel von einer angeblichen Formkrise die Rede gewesen war. Mit Siegen in der Abfahrt und im Super-G im bulgarischen Bansko meldete sich die US-Amerikanerin jedoch eindrucksvoll zurück und baute ihre Führung in der Gesamtwertung aus. Am 2. Februar änderte sich für sie jedoch alles ganz plötzlich. An diesem Tag verstarb völlig überraschend ihr Vater Jeff in den USA. Die Rennläuferin flog daraufhin unverzüglich in ihre Heimat und unterbrach ihre Saison auf unbestimmte Zeit. Der plötzliche Tod ihres Vaters traf die Athletin sehr hart. Ihre Trauer hat sie seither auf vielfache Weise in den sozialen Medien zum Ausdruck gebracht. Die Rennen in Garmisch-Partenkirchen, Kranjska Gora, Crans Montana und La Thuile fanden im Februar in Abwesenheit von Shiffrin statt. Ihre Rückkehr in den Weltcup kündigte sie schließlich für die Rennen in Aare an, die dann jedoch aufgrund der Corona-Krise abgesagt wurden. Damit stand eine neue Siegerin im Gesamtweltcup fest.

Diese neue Siegerin heißt Federica Brignone, ist 29 Jahre alt und wuch im Aosta-Tal auf. Den bisher größten Triumph in ihrer Karriere erreichte sie unter besonderen Umständen und in einer Zeit, in der ihr Heimatland in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckt. Brignone ist die erste italienische Sieger der Gesamtwertung des Alpinen Skiweltcups seit dessen Einführung überhzaupt. In Italien habe stets das Spezialistentum eine große Rolle gespielt, meinte sie als Erklärung für diesen Umstand. Sie sei eine der ersten Allrounderinnen aus dem Verband, nachdem es in diesem nun dafür die Strukturen gebe. In ihrer Biographie weist Brignone einige Parallen zu Mikaela Shiffrin auf. Ihre Familien sind beide eng mit dem Skisport verbunden. Brignones Mutter Maria Rosa Quario war einst selbst als Rennläuferin erfolgreich. Gecoacht wird die Tochter seit einigen Jahren von ihrem Bruder Davide Brignone. Seit dieser Zeit stellten sich auch immer mehr Erfolge ein. Im Gegensatz zu Shiffrin ist Federica Brignone nämlich eine Spätstarterin. Ihren ersten Weltcupsieg feierte sie mit 25 Jahren. Mittlerweile liegt sie bei 15 Siegen, nur einen weniger als ihre Landsfrau Deborah Compagnoni, die bisher erfolgreichste Italienerin im Weltcup. Allein fünf Siege erreichte sie in der abgelaufenen Saison, was sicherlich ein Grundstein für den Sieg im Gesamtweltcup war.

Kurz nach dem Saisonende schickte Brignone einen offenen Brief an die Medien und sagte: „Ich glaube nicht, dass die Absage der letzten Rennen zu meinen Gunsten oder gegen die meiner Konkurrenten gewirkt hat. Vielmehr hätte ich am liebsten alle Rennen wie geplant gestartet. Zum verlängerten Rennpause von Mikaela Shiffrin kann ich nur sagen, dass es nicht meine Schuld war. Wir konnten die Tour wegen ihrer Abwesenheit offensichtlich nicht abbrechen. Es tut mir zutiefst leid, was ihr passiert ist, aber auch wenn sich jemand verletzt hat, müssen wir (der Weltcup) weiterfahren. Ich war sehr froh, als ich von ihrem Comeback erfuhr, und es ist bedauerlich, dass wir nicht noch einmal auf dem Hügel gegeneinander antreten konnten. Ich habe in diesem Jahr 25 von 30 Rennen gestartet, das ist mehr oder weniger die Anzahl der Rennen, die wir in einer Saison von Großveranstaltungen fahren, also denke ich nicht, dass wir von einem „halben“ Cup sprechen sollten. Ich habe mit wirklich hohen Durchschnittswerten in sechs Disziplinen einen Punkterekord aufgestellt und bin unter den ersten drei von sechs Ranglisten gelandet: Gesamtwertung, GS, AC, SG, DH und Parallel. Was hätte ich sonst noch tun können? Ich bedauere nur, dass ich die Globen nicht persönlich verliehen bekommen habe. Niemand hat mich darüber informiert, und ich weiß immer noch nicht, wo sie sind und wann sie mich erreichen werden.  Ich wünschte mir wirklich, ich hätte die Kristallkugel in den Händen halten und in den Himmel heben können, so wie ich es bei allen früheren Champions getan habe, als ich damals nur davon träumen konnte, selbst als Gesamtmeister an die Reihe zu kommen. Ich wünschte, ich hätte mit meinen Teamkollegen auf dem Podium feiern können. Wir haben auch den Mannschafts-Titel der Frauen gewonnen – wir Italienerinnen haben ihn in diesem Jahr gerockt!“ Der Grosse Kristallkugel wurde Brignone endlich im März per Post in zugestellt während ganz Italien unter Corona-Quarantäne stand. Seit dem wurde auch auch Brignones Mutter an Coronavirus erkrankt.

Bei den Herren hatten alle Kommentatoren am Beginn der Saison einen Zweikampf zwischen Alexis Pinturault und Henrik Kristoffersen erwartet. Beide hätten als logische Nachfolger des im Sommer zurückgetretenen Marcel Hirscher gegolten, der den Alpinen Skiweltcup der Herren während fast einer ganzen Dekade in eindrucksvoller Manier dominiert hatte. In ihrer Herangehensweise ähneln der Franzose Pinturault und der Norweger Kristoffersen dem Österreicher Hirscher. Beide haben sich mehr oder weniger aus ihren nationalen Verbänden gelöst und trainieren mit Privatteams. Außerdem haben beide einen Wohnsitz in Österreich, um dort von den optimalen Trainingsbedingungen zu profitieren. Trotzdem konnten weder Pinturault noch Kristoffersen mit der Konstanz Hirschers in den vergangenen Saisonen mithalten.

Zumindest Pinturault hätte im März noch theoretische Chancen auf den Gewinn des Gesamtweltcups gehabt. Nachdem aufgrund des Coronavirus aber auch die Rennen in Kranjska Gora abgesagt worden waren, stand ein Fahrer als Sieger fest, der völlig andere Voraussetzungen als Marcel Hirscher und seine vermeintlichen Nachfolger hat. Aleksander Aamodt Kilde ist durch und durch ein Teamplayer, der ganz in den norwegischen Skiverband integriert ist. Im Gegensatz zu seinem Teamkollegen Henrik Kristoffersen hat er kein Privatteam und keine sonstigen Ausnahmeregelungen. Dafür hatte Kristoffersen auch schon Kritik seines Landsmannes einstecken müssen. In Norwegen hat der alpine Skisport als Mannschaftssport eine große Tradition. Es gilt als selbstverständlich, dass Athleten ihr Wissen an die jüngere Generation weitergeben. Kilde sieht sich in der Tradition der einstigen Spitzenathleten Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus sowie seiner beiden Lehrmeister Aksel Lund Svindal und Kjetil Jansrud.

Mit den genannten Ahtleten teilt der neue Gesamtweltcupsieger vor allem die Tatsache, dass er in erster Linie in den Disziplinen Abfahrt und Super-G erfolgreich ist. Im Alter von nur 23 Jahren gewann er bereits den Super-G-Weltucp. Sein Sieg im Gesamtweltcup ist aber vor allem auf eine beeindruckende Leistungssteigerung im Riesenslalom zurückzuführen. Fünf von sieben Rennen in dieser Diszplin beendete er unter den besten Sechs und widerlegte damit auch den Trend, dass Speedfahrer in den technischen Disziplinen nicht erfolgreich sein können.

Foto: Insta Brignone

Quellen: Social Media Kanäle, nzz.ch

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Redaktion skionline

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